Kultur : Kanzlers Nachtgesang

Eine

-

von Christiane Peitz

Sage mir, was du singst, und ich sage dir, wer du bist. Gut, Gerhard Schröder hat nicht gesungen beim Abschieds-Zapfenstreich am Samstag. Aber wie alle Kanzler hatte auch er zum Finale seiner Regierungszeit drei Wünsche frei. Und das Musikkorps spielte Weills „Moritat von Mackie Messer“, Gershwins „Summertime“ und Sinatras „My Way“. Abschied in Moll, in dieser Reihenfolge: die Ballade aus der „Dreigroschenoper“, das Wiegenlied einer bettelarmen Frau und zuallerletzt jener Song, bei dem der Berliner vor allem an den späten Juhnke denkt.

Schröder, der Tatmensch. War er nun der Haifisch mit den Zähnen im Gesicht oder Mackie mit dem verborgenen Messer? „Ein Mensch geht um die Ecke“: ein Schelm, der darin das Bekenntnis eines Machtpolitikers zu vernehmen meint, der am Ende zugibt, dass Regieren ohne kriminelle Energie – oder sagen wir: Verschlagenheit – nun mal nicht geht. Kennt Schröder den Text? Von geschändeten Frauen ist im Brecht-Song die Rede. „Mackie, welches war dein Preis?“ Laut Protokoll hat Kanzlergattin Doris die Musik für ihren Mann ausgewählt. Scheint eine verdammt offenherzige Ehe zu sein.

Schröder, der Aufsteiger. Auf seine Herkunft war er immer stolz. „Oh your daddy’s rich, and your ma ist good lookin’“, heißt es in „Summertime“. Ein betuchter Vater, eine bildschöne Mutter; das Wiegenlied aus „Porgy and Bess“ ist eine sanfte Lebenslüge, Protestsong und stille Beschwörung eines besseren Lebens wenigstens für die künftige Generation. Agenda 2010 als Pfeifen im finsteren Wald der Finanznot.

Schröder, der Melancholiker. Okay, bei „My Way“ denkt mancher an abgehalfterte Conferenciers, und bei den Japanern ist der Sinatra-Song das beliebteste aller Karaoke-Lieder. Den Text kann sich jeder merken, bei den Weltmeistern des Karaoke gilt die Wahl von „My Way“ längst als abgedroschene Peinlichkeit. Aber wer will zum Abschied schon kleinlich werden? „My Way“, das ist Wehmut in eigener Sache, mit einem kleinen Strauß Selbstbewusstsein im Knopfloch.

Gefühl und Härte: der Stoff, aus dem Schröders Träume (und Albträume) sind. Und er scheut sich nicht, am Ende Töne anzuschlagen, die verraten, wie verdammt schwer es ihm fällt, der Macht endgültig Adieu zu sagen.

Was hatte sich eigentlich Kohl gewünscht, als er seiner Kanzler-Ära im Oktober ’98 vor dem Dom zu Speyer die letzte Ehre gab? Damals spielte das Musikkorps den Choral „Nun danket alle Gott“, die Europa-Hymne mit Beethovens „Ode an die Freude“ und den Reitermarsch des Großen Kurfürsten. Das war im letzten Jahrtausend. Ein Selfmade-Mann braucht keine höheren Weihen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar