Kapital-Verfilmung : Hol’ der Teufel die Seele des Geldes!

Neuneinhalb Stunden: Der Montagekünstler Alexander Kluge verfilmt Karl Marx und das Märchen vom "Kapital".

Helmut Merker
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Wachsfiguren aller Länder. Karl Marx bei Madame Tussauds Berlin. -Foto: Mike Wolff

Was ist ein Revolutionär? In den Schriften von Marx/Engels findet sich die Metapher von der Revolution als „Lokomotive der Geschichte“. Ist der Revolutionär also der Bannerträger des Fortschritts, der Tempomacher, der Voranstürmer?

Weit gefehlt, denn im Strudel der „Entwertungsgeschwindigkeit“, wo nur das Neue einen Verkaufswert hat, führt die wild gewordene Warenproduktion in die Irre, und der „Zug der Zeit“ wird zur fatalen Mode. Dafür findet Alexander Kluge bei Walter Benjamin das entsprechende Bild von der Revolution als „Notbremse der Geschichte“. Mit der Fackel der Vernunft muss man sich an die drängenden Probleme machen, folglich ist der wahre Revolutionär einer, der Zukunft und Vergangenheit vereinigt, ein Überblender zweier Zeiten, zweier Gesellschaften, ein Montagekünstler der Geschichte und Geschichten. So kommt bei der Reflexion über den idealen Revolutionär unversehens eine Beschreibung des Montagekünstlers Alexander Kluge heraus.

Ein Beispiel für die listenreichen Gedankengänge ist Kluges neues Monumentalwerk „Nachrichten aus der ideologischen Antike. Marx – Eisenstein – Das Kapital“. Der auf DVD erschienene 570-Minuten- Film geht von zwei anderen Montagekünstlern aus, von dem Schriftsteller James Joyce und dem Regisseur Sergej Eisenstein. Die beiden trafen sich 1929, um über eine Verfilmung des 60 Jahre zuvor verfassten „Kapitals“ von Marx zu sprechen. 80 Jahre danach gesellt sich Alexander Kluge dazu – eine Viererbande über die Jahrhunderte. Woran Eisenstein seinerzeit scheiterte, weil ihm weder die Kapitalisten Hollywoods noch die Kommunisten Moskaus die nötigen Produktionsmittel zur Verfügung stellten, das greift Kluge mit einem Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit wieder auf.

Hauptteil des Films sind intensive Gespräche Kluges mit marxistisch geschulten Autoren und Künstlern. Hans Magnus Enzensberger vergleicht die Seele des Menschen mit der Seele des Geldes, Dietmar Dath erklärt die Bedeutung von Hammer und Sichel in der sowjetischen Fahne und zieht – vom Standpunkt der Stoa – den Sprung in die Industrialisierung einem geordneten Marschschritt vor, die Schauspielerin Sophie Rois hält ein leidenschaftliches Plädoyer für Medea und unterscheidet zwischen additiver und subtraktiver Liebe, Werner Schroeter inszeniert in seiner Wagner-Oper die „Wiedergeburt des Tristan aus dem Geiste des Panzerkreuzers Potemkin“, der Philosoph Peter Sloterdijk spricht über die Metamorphosen des Mehrwerts und was Ovid dazu beigetragen hat, ein Mann am Klavier analysiert die Partitur eines Streiklieds während der Konfrontation von Arbeitern und Fabrikbesitzern in einer Oper von Luigi Nono, Durs Grünbein interpretiert Bert Brechts Ästhetisierung des Kommunistischen Manifestes im ozeanischen Schaukeltakt des Hexameters, Rainer Stollmann betont die Vieldeutigkeit der Marx-Schriften als Wissenschaft, Kunstwerk, Erzählung, Philosophie, Poesie. Und Oskar Negt schaut skeptisch drein bei der Frage, wie man für all das denn die richtigen Bilder finden kann, sofern es nicht bloß um pädagogische Inhalte geht, sondern um die umfassende Theorie.

Gelehrtengespräche, weit und tief, verwegen und verspielt. Aber keine Sorge, auch wenn die eigenen Marx-Studien verblasst sein mögen, es ist immer ein großes Vergnügen, diesen Experten bei der „allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden“ zuzusehen und zu hören – und zu beobachten, wie Kluge sie durch Einschübe und Gedankensprünge, die immer mit seinem charakteristischen „ja?“ enden, überrascht, irritiert, aus dem Konzept bringt, in eine andere Richtung lenkt. Dabei wird nie ganz klar, wie viel Zustimmung oder Widerspruch sich hinter Kluges Einwänden verbirgt. Eine sokratische Fragetechnik, neugierig und offen für alles, bescheiden zurückgenommen – und am Ende fragt man sich verblüfft, ob sie von Anfang an ein bestimmtes Ziel im Auge hatte. Alexander Kluge ist ein großer Manipulator, der in Gestalt des emsigen Weberschiffchens noch die entlegensten Beobachtungen und Bemerkungen in sein System einflicht.

Dabei verfilmt er nicht „Das Kapital“, sondern forscht danach, wie man das Buch von Karl Marx in Bildern für einen Film „kinofizieren“ kann. Die Suche ist der Weg ist das Ziel; Vorbild ist die Grundstruktur des „Ulysses“, in dem James Joyce die ganze Weltgeschichte in einen Tag seines Helden Bloom packt. Bei Kluge wird das zu einer Collage aus dokumentarischen, essayistischen und fiktionalen Szenen, Interviews und Standfotos, Archivbildern rauchender Fabrikschornsteine, Zeitrafferaufnahmen stampfender Maschinen und aufgetürmter Warenwelten, Tagebuchnotizen und Schrifttafeln, die den Konstruktivismus und die konkrete Poesie zitieren.

Koinzidenzen, Kollisionen: Gerade noch bringt Tom Tykwer in einem kurzen Film über eine Straße in Berlin die Dinge zum Tanzen, schon mühen sich zwei Vorleser mal synchron, mal dissonant, im Chor und in wachsender Verzweiflung mit dem Satz ab: „Wenn der wirkliche leibliche auf der festen wohlgegründeten Erde stehende, alle Naturkräfte aus- und einatmende Mensch seine wirklichen gegenständlichen Lebenskräfte durch seine Entäußerung als fremde Gegenstände setzt, so ist nicht das Setzen Subjekt, es ist die Subjektivität gegenständlicher Wesenskräfte, deren Aktion daher auch eine gegenständliche sein muss.“

Eben noch wird einem vor Augen gestellt, „wie die Geschichte der Industrie und das gewordene gegenständliche Dasein der Industrie das aufgeschlagene Buch der menschlichen Bewusstseinskräfte, die sinnliche vorliegende menschliche Psychologie“ ist, da wird uns die Geschichte des Kapitalismus als riesenhafte Vergrößerung des Märchens vom Teufel mit den drei goldenen Haaren erklärt – weil alle Dinge verzauberte Menschen sind. Und der Beginn von Mae Wests Filmkarriere verläuft parallel zum Sprung in die Industrialisierung – eine Form von artistischem Slapstick, bei der nicht mit Sahnetorten, sondern mit Ideen und Begriffen geworfen wird.

Anders als Eisenstein, der schier verzweifelte an der herkulischen Aufgabe, 29 Stunden „Oktober“-Filmmaterial zu einer Kinofassung von 90 Minuten zusammenzuschneiden, und sich mit Drogen zu dopen versuchte, darob er vor Schreck vorübergehend erblindete, belässt es Kluge bei neuneinhalb Stunden. Souverän. Und keine Minute zu lang.

Alexander Kluge: Nachrichten aus der ideologischen Antike. Marx – Eisenstein – Das Kapital. Filmedition Suhrkamp, drei DVDs, 570 Minuten, 29,95 €

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