Kultur : Kapitalismus und Medien: Erlebnisproletariat

Der Kapitalismus hat es immer wieder verstanden, sich mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen. Karl Marx hat das in seinem, in etlichen Antiquariaten noch günstig zu erstehenden, Hauptwerk "Das Kapital" so umfassend dargelegt, dass es hier nicht mehr eingehend referiert zu werden braucht. Es sei nur soviel gesagt: Der Kapitalismus tendiert seinem gesamten Wesen nach fortwährend zum Monopolkapitalismus. Das heißt: das freie Spiel der Kräfte, die Grundlage allen liberalen und eben auch marktwirtschaftlichen Denkens, führt zwangsläufig dazu, das sich eine alles beherrschende Kraft herausbildet, die dem Spiel dann zunächst ihre Regeln aufzwingt.

Diese Lektion hat auch der Münchener Medien-Mogul Leo Kirch gelernt. Es ist nur logisch, dass er sein Wissen nun konsequent umsetzt. Und er hat sich dafür das beste Feld ausgesucht, das es in diesem Zusammenhang heute gibt. Denn was Karl Marx, der zukunftsweisende Religionsphilosoph aus dem 19. Jahrhundert, damals "Opium fürs Volk" genannt hat, ist im Laufe der Zeit von der reinen zur medialen Verkündigung geworden. Marxens Begriffsdefinition meint heute das Fernsehen. Leo Kirch hat den deutschen Fernsehmarkt gehörig aufgemischt und sich die Rechte dafür gesichert, was das Opium erst zum Opium macht: für den Fußball.

Der Fehler des Monopolkapitalisten

Kirch ist damit längst zum Monopolisten geworden. Die Schritte, die danach folgen, wurden von Marx ebenfalls grundlegend analysiert: künstliche Verknappung der Ware, Steigen der Preise, Zusammenbruch des Systems. In Kirchs speziellem Fall ging das so: die Fußball-Verwertungssendung "ran" auf Sat 1 wurde entkernt, immer mehr dem Fußball entzogen und auf einer ungünstigen Sendezeit ausgestrahlt (Verknappung der Ware). Davon sollte Kirchs Bezahlfernsehen "Premiere World" profitieren. Fußball war im Grunde nur noch dort zu sehen, kostete dafür aber den Zuschauer plötzlich ziemlich viel Geld (Steigen der Preise).

Was aber geschah? Das Proletariat, das sich nach einer Begriffsfindung des Schriftstellers Wilhelm Genazino heute vor allem als "Erlebnisproletariat" geriert, machte nicht mit. Es kaufte kaum mehr "Premiere"-Decoder, und "ran" war ja von Kirch selbst schon zum Abschuss freigegeben worden. Als Folge dessen wird "ran" nun wieder in fußball-gemäßerer Form und zur entsprechenden Sendezeit ausgestrahlt.

Das wurde vielfach als Triumph des "mündigen Bürgers" gefeiert, der sich hier erfolgreich zur Wehr gesetzt haben soll. Aber damit hat das alles leider nur am Rande zu tun. Es ist einfach der Markt, der den Handelnden seine Gesetze diktiert hat. Kirch hat die Art und Weise, wie Monopolismus funktioniert, einfach bis ans Ende durchgezogen: er musste sich zwangsläufig selbst Konkurrenz machen und sein Produkt dadurch entwerten. Das folgt der Dynamik der Geld- und Warenwirtschaft. Der Weg zum Monopol führt über Konkurrenz, und ist man auf dem Gipfel der Monopolbildung angelangt, holt einen das hinterrücks wieder ein. Mit "Angebot und Nachfrage", mit der Rolle des Konsumenten also, hat das ziemlich wenig zu tun.

Dabei hatte alles wunderbar funktioniert: Kirchs Geschäftspartner, der Deutsche Fußball-Bund, hatte sich mit Haut und Haaren seinem Konzern verschrieben. Die am meisten entfesselte Produktivkraft, der FC Bayern München, ließ ihre Spieler, wenn es darauf ankam, bei den Öffentlich-Rechtlichen nicht einmal mehr zu Interviews ins Studio. Die Industrie bezahlte Unsummen, um in der frei empfangbaren "ran"-Sendung ihre Spots landen zu können. Und der Konsument nahm eigentlich alles in Kauf, indiskutable Moderator(inn)en, verlogene und überdrehte Spielberichte, lang ausgedehnte Werbeblöcke und dümmlichstes Drumherumgequatsche, wenn er nur Fußball zu sehen kriegte - "Der Fetischismus der klassischen Ökonomie wird hier handgreiflich" (Marx, Das Kapital Bd. 1, Hamburg 1867).

Stumpfsinniges Manchestertum

Solange Kirch an dieser Schraube gedreht hat, funktionierte alles bestens für ihn. Aber dann kam die Fehlkalkulation mit "Premiere World", die eigentlich zwingend der Logik des Systems folgte. Vermutlich hätten sich flexiblere Unternehmer da leichter getan. Statt konkrete Bedarfsanalysen zu erstellen, handelte Kirch aber auch noch wie im stumpfsinnigsten Manchester-Kapitalismus (ein Wort, das übrigens der Fußball-Verein "Manchester United" auf seine Weise weiterführt, "new economy" ist der Manchester-Kapitalismus von heute), und das funktioniert heute eh nicht mehr.

Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk kann man es sich übrigens leisten, viel stoischer mit verfehlten Strategien umzugehen. Bis vor ein paar Jahren gab es in Berlin zum Beispiel einen funktionierenden Kulturkanal im Rundfunk, "SFB 3". Ohne Not, nur irgendwelchen abstrakten Medientheorien folgend, hat man diesen Sender aufgelöst und Modernisierungen umgesetzt, die mit den Bedürfnissen der Hörer nicht viel zu tun haben. Die guten Quoten, die SFB 3 hatte, wurden natürlich nicht einmal mehr annähernd erreicht. Aber hier denkt niemand daran, das Ruder herumzureißen. Kultur spielt sich unterhalb jeglicher Schmerzgrenze ab, und das ist beim Opium anders. Da reagiert man schnell.

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