KARAJANS Klassiker (1) : Preußisches Brio

Christine Lemke-Matwey

In künstlerischer Leidenschaft sind sie kaum zueinander entbrannt, Maria Callas, die Primadonna assoluta, und Herbert von Karajan, unser „erster Musikarbeiter“, wie Thomas Bernhard ihn bespöttelte. Für Karajans – erst später voll ausgelebten – Hang zu instrumentalen, ja osmotischen Stimmen war die Callas auf der Höhe ihrer Ausdruckskunst ein halb bewundertes, halb gefürchtetes „Element“. Verdis „Trovatore“ von 1956 mit dem Orchester der Mailänder Scala markiert das Ende ihrer Zusammenarbeit – und ist ein atemberaubendes Dokument dafür, mit welch bestrickender Intuition es der 48-jährige Maestro versteht, seinen Sängern den Teppich auszurollen und sich gleichwohl nicht mit bloßer theatralischer Liebedienerei zu begnügen. Walter Legges Aufnahme-Ästhetik, die Orchester und Chor in den Ensembles oft arg in den Hintergrund zwängt, macht das nicht leichter.

Dennoch: Das preußische Brio, das diesen frühen Verdi durchweht, die schöne Ausführlichkeit in den Tempi, der Mut auch zum rasselnden Leierkastenwerk, all das lässt einen erstaunlich vieles hören. Und diese Leonora trägt vom ersten Ton an so viel Schicksalsgewissheit im Sopran, dass Karajan schier nicht anders kann, als mit samtig erstickenden Klangvaleurs darauf zu reagieren. Bis die Callas in „D’amour sull’ali rosee“, der großen Arie im vierten Akt, schließlich an die Rampe tritt und nachtblaue Tinte aus ihrem Herzen in den Orchestergraben gießt. Christine Lemke-Matwey

Verdi „Il trovatore“, 1956 (EMI)

Am 5. April 1908 wurde in Salzburg

Herbert von Karajan geboren.

Bis zu seinem 100. Geburtstag hören wir

ihn täglich: das Schönste aus seinen

690 erhältlichen Aufnahmen

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben