KARAJANS Klassiker (12) : Lustschreie

Christine Lemke-Matwey

Vielleicht vergisst es sich einfach zu leicht, dass der junge Karajan nicht immer nur forsch, passioniert und zauberlehrlingshaft glühend dirigiert hat, ganz der „deutsche Toscanini“ eben – und der alte nicht immer nur entrückt, sahnig-süffig und abgebrüht. Der Bayreuther „Tristan“ aus dem frühen Jahr 1952 jedenfalls reißt einem buchstäblich die Ohren auf. Elisabeth Schwarzkopf hat minutiös beschrieben, wie Karajan am Abend an den diversen musikalischen Schrauben „zu drehen“ vermochte (nicht immer zur sängerischen Freude): unmerklich, magisch, mit dem Zucken eines Augenlids. Und genau das erlebt man hier – teils in geradezu (selbst-)quälerischer Ausführlichkeit, teils als peitschende Höllenfahrt. Im Vorspiel, wenn der Akkord aller Akkorde lediglich das Portal bildet für jenes unter- oder überweltlerische Brodeln, das fortan aus der Wagnerwelt nicht mehr weicht. In der Liebesnacht des zweiten Aktes, in der Säfte, Wogen, Wellen und Gischt die Sänger förmlich unter sich begraben, in heißer Steigerung und bis Martha Mödl und Ramon Vinay nur mehr schreien vor Lust und Schmerz und panischer Angst. Im berüchtigten Vorspiel zum dritten Akt schließlich, das Karajan akribisch, wie ein schwarzes Murmelspiel vor sich ausbreitet. Und dann in Isoldens Liebestod, in dem die ebenso grandiose wie rechtschaffend erschöpfte Mödl dem Bayreuther Kapellmeister längst egal ist: Er will siegen, will singen, weit über die Grenzen des Alls. Christine Lemke-Matwey

Wagner „Tristan“, 1952 (Membran)

Am 5. April 1908 wurde in Salzburg

Herbert von Karajan geboren.

Zu seinem 100. Geburtstag empfahlen wir täglich unsere Lieblingsaufnahmen.

Heute endet unsere kleine Serie.

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