KARAJANS Klassiker (5) : Eiserne Strenge

Jörg Königsdorf

Eisig ist der Wind, der durch dieses Russland fegt: Nicht als seelenvolles, lauthals anklagendes Volksdrama, sondern als Abbild eines diktatorischen Machtapparates legte Karajan 1970 seinen „Boris Godunow“ mit den Wiener Philharmonikern an. Das Chorvolk wird mit eiserner Strenge in Zucht gehalten, die gleißende Pracht von Rimsky-Korsakows damals noch populärer Bearbeitung wird zum Potemkinschen Dorf, hinter dessen Fassaden nur Leere herrscht. Inmitten des opulenten Gepränges bleiben die Menschen isoliert, alle humanen Regungen verkümmern und am Ende überleben nur die skrupellosen Apparatschiks.

In der Konfrontation von Einzelschicksalen und institutionalisierter Gewalt wird Mussorgskys Werk bei Karajan zum russischen Gegenstück zu Verdis „Don Carlos“. Die russischen Melodien sind bei ihm nicht Wesen dieser Musik, sondern bloßes Kolorit – doch gerade deshalb ist Karajans „Boris“ kein historisches Sittenbild, sondern ein ganz elementares Stück über diktatorische Regime. Und wie die funktionieren, wusste er schließlich gut genug. Jörg Königsdorf

Mussorgsky, „Boris Godunow“, 1970 (Decca)

Am 5. April 1908 wurde in Salzburg

Herbert von Karajan geboren.

Bis zu seinem 100. Geburtstag empfehlen wir täglich: das Schönste aus

seinen 690 erhältlichen Aufnahmen

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