KARAJANS Klassiker (7) : Wer bin ich jetzt?

Volker Hagedorn

1974 feierten die Plattenkritiker eine unverhoffte Sensation. Karajan hatte mit den Berliner Philharmonikern Werke der Zweiten Wiener Schule eingespielt, Webern, Berg, Schönberg. Das allein war schon ungewöhnlich bei einem Dirigenten, der sonst über Strauss kaum hinausging. Er lieferte aber auch den präzisesten, differenziertesten, den schönsten Schönberg, den es je gegeben hat. Das wahre Herz des Albums sind trotzdem nicht die Orchestervariationen op. 31 des Zwölftonpatriarchen, auch nicht Alban Bergs Werke (die „Lyrische Suite“ klingt hier doch zu sehr nach Tschaikowsky), es ist Anton Weberns „Passacaglia“. Ihr Entstehungsjahr kann Karajan nicht kalt gelassen haben: 1908. Er dirigiert, als gestalte er noch einmal sein 20. Jahrhundert. Die ersten, einsamen, unschuldigen Zupftöne haben eine unbedingte Präsenz und Klarheit, wie man sie sonst von Klemperer kennt, und von dort geht es zu Träumen, Katastrophen, Eruptionen, Exzessen, manchmal klingt es wie Brahms in Stalingrad. Tief vertraut Karajan auf die Stabilität des barocken Passacaglia-Musters. Die wiederkehrende Tonfolge schützt vorm Verlust der Mitte, gerade deswegen riskiert er viel, auch in Versenkung und Ersterben. Da denkt einer über sich nach, unbewusst: 1908 – wer bin ich jetzt? Im übrigen klingen die Philharmoniker so gut, als wollten sie Anton Webern sagen: Da siehst du mal, auf was man sich einlässt, wenn man für Orchester schreibt. Du bist jetzt bei uns, Webern. Jetzt geht es richtig los. Volker Hagedorn

Webern, Berg, Schönberg, 1974 (DG)

Am 5. April 1908 wurde in Salzburg

Herbert von Karajan geboren.

Bis zu seinem 100. Geburtstag empfehlen wir täglich: das Schönste aus

seinen 690 erhältlichen Aufnahmen

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