Kultur : Karajans Konkurrenten

Jörg Königsdorf

Der schwärzeste Tag in der Geschichte des Berliner Sinfonie-Orchesters kam, als eigentlich alles gut werden sollte. Am elften Januar 1991 wurde im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt ein Paket abgegeben. Es enthielt die Kündigungsschreiben für alle 164 Musiker und Mitarbeiter und setzte der Euphorie der Wendephase ein abruptes Ende. Bei den Musikern ebenso wie bei einem Großteil ihrer über 16 000 Abonnenten, das in diesem Handstreich des Berliner Senats vor allem einen Zweck sah: Nach dem Verschwinden der DDR nun auch ihre kulturellen Erbstücke zu eliminieren.

Denn im Gegensatz zu anderen ostdeutschen Spitzenorchestern war das BSO ein Kind des real existierenden Sozialismus: Gegründet 1952 als damals neuntes (!) Sinfonieorchester allein im Ostteil der Stadt, zu internationalen Ehren gekommen in den sechziger und siebziger Jahren, und nun abgewickelt wie ein nicht mehr konkurrenzfähiger Industriebetrieb?

"Wir waren natürlich völlig konsterniert - wie wohl jeder, dem plötzlich seine Kündigung ins Haus flattert", erinnert sich Ernst-Burkhard Hilse, Flötist im BSO und Orchestervorstand. "Aber wir waren noch überraschter, als sich nach einer Welle weltweiten Protests der Abteilungsleiter der Kulturbehörde einfach vors Orchester stellte und die Sache für ein Versehen erklärte." Ein Versehen freilich mit fatalen Folgen: Aufgrund der ungewissen Zukunftslage hatte nicht nur die Plattenfirma BMG die weiteren Aufnahmeprojekte mit dem Orchester gestoppt, auch der Chefdirigent Claus-Peter Flor, der 1983 die Nachfolge des in die USA emigrierten Günther Herbig angetreten hatte, entschied sich, das Orchester zu verlassen. In der Folge, erzählt Hilse, sei es noch schlimmer gekommen: Fünf Jahre später gelang es nur in letzter Minute, die im so genannten Kreisepapier des Kultursenators Radunski vorgesehene Fusion mit dem Orchester der Komischen Oper zu verhindern. Und gerade habe der neue Berliner Finanzsenator angekündigt, dass es jetzt auch den Kulturinstitutionen an den Kragen gehen werde.

Kein Wunder, dass bei den Vorberichten zum 50. Orchestergeburtstag meist das letzte, kulturpolitisch turbulente Jahrzehnt die Hauptrolle spielt. Auch weil die Kritiker und das Publikum im Westteil der Stadt diese Phase besonders intensiv miterlebt haben und die Glanzzeit des BSO in der Ära Kurt Sanderling nur vom Hörensagen und von den mitgebrachten Eterna-Schallplatten kannten. 1960 hatte der Co-Chef der Leningrader Philharmonie den acht Jahre zuvor von Hermann Hildebrandt gegründeten Klangkörper und damit ein Orchester von eher regionaler Bedeutung übernommen. Letzteres änderte sich schnell, auch weil Sanderling die Möglichkeit bekam, die nach dem Mauerbau vakanten, weil von Westberliner Musikern besetzten, Stellen mit dem Elite-Nachwuchs der DDR-Musikhochschulen aufzufüllen.

Aufgrund von Sanderlings Kontakten gastierte in diesen Jahren die russische Musikerelite regelmäßig im Metropol-Theater, wo das Orchester bis zur Wiedereröffnung des Schauspielhauses am Gendarmenmarkt 1984 seine Abonnementskonzerte veranstaltete: Richter, Gilels, Oistrach kamen, während Sanderling unablässig daran arbeitete, das BSO als Interpreten-Instanz für Mahler, Sibelius und Schostakowitsch zu etablieren - zu einer Zeit, als sich deren Musik ihren Platz in den Konzertprogrammen erst noch erobern musste.

Der Erfolg dieser kontinuierlichen Arbeit schlug sich nicht zuletzt in den zunehmenden und immer prestigeträchtigeren Gastspielreisen nieder - zum krönenden Abschluss der Ära Sanderling wurde 1977 die Erstaufführung von Mahlers neunter Sinfonie bei den Salzburger Festspielen.

Dem von den Kulturoberen verordneten Planziel, den Berliner Philharmonikern und Karajan Konkurrenz zu machen, war das BSO in diesem Moment so nahe wie wohl nie wieder in seiner Geschichte. Noch heute, ein Vierteljahrhundert später, sei das damals geprägte Klangbild sofort wieder da, wenn sich der inzwischen 89-jährige Sanderling vor das Orchester stelle, erzählt Hilse, der selbst noch das Ende dieser Epoche miterlebte. Daran hätten weder Sanderlings Nachfolger noch das Nachrücken junger Musiker und Musikerinnen (vor allem in den letzten Jahren) etwas ändern können.

In gewisser Weise, so Hilse, führe auch Eliahu Inbal, der neue Chefdirigent des BSO seit Beginn dieser Spielzeit, das Sanderling-Erbe mit seiner Präferenz für Mahler, Schostakowitsch und das spätromantische Repertoire fort. Die Wahl Inbals, der schon zwei Jahre vor seinem, von der Kulturbehörde nicht allzueilig betriebenen, Amtsantritt als Quasi-Chef wirkte, ist tatsächlich eine Rückbesinnung in doppelter Hinsicht: Auf das "große" Repertoire ebenso wie auf den spieltechnischen Standard, der unter Flors Nachfolger Michael Schønwandt ab 1992 und in der chefdirigentenlosen Zeit ab 1998 etwas zu leiden begonnen hatte.

Eine Entwicklung, die allerdings in den ersten Jahren nach der Wende durch anderes überdeckt wurde: Unter seinem neuen,seit 1992 amtierenden Intendanten Frank Schneider begann das BSO all die Musik für sich zu entdecken, die es zu DDR-Zeiten schon aus Tantiemengründen nicht spielen konnte: Debussy, Messiaen, englische und amerikanische Musik, dazu, als Steckenpferd des Intendanten, viel Zeitgenössisches und Uraufgeführtes, während der dänische Chef sich zum Anwalt für die Sinfonik Skandinaviens machte. Eine Umbruchzeit, musikalisch, kulturpolitisch und personell: Die 1961 von Sanderling geholten jungen Musiker gingen in den letzten Jahren in den Ruhestand oder scheiden in absehbarer Zeit aus dem Orchester aus: Statt einer Hundertschaft deutscher Männer sitzt eine multikulturelle Gruppe von Männern und Frauen auf dem Konzerthaus-Podium.

Der Generationswechsel, der zwei Drittel der Musiker betrifft, stellt da besondere Anforderungen: Das spezifische, oft als typisch deutsch bezeichnete Klangbild des Orchesters zu bewahren und gleichzeitig die Position des BSO im harten Berliner Konkurrenzklima zu behaupten. Doch wer sie hört, mit Mahler, Brahms oder Debussy, der ist sicher, dass ihnen auch das gelingen wird.

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