Kultur : Karamba, hier riecht’s nach Ausbeutung!

René Pollesch beendet mit „Pablo in der Plusfiliale“ seine Zeltsaga im Berliner Prater

Peter Laudenbach

René Polleschs Theater geht in die nächste Runde. Und weil sich seine Stücke wie ein einziger Endlostext lesen, ist „Pablo in der Plusfiliale“ eine logische Weiterentwicklung seiner letzten Pratershows: ein subjektiver Agitprop-Soundtrack zu den laufenden Ereignissen aus Sex, Ökonomie, Globalisierung und Beziehungskrisen. Kein neues Stück, eher ein neues Serienprodukt aus der PolleschFactory. Diesmal ein besonders gutes. Und das nicht nur, weil Volker Spengler erstaunliche Selbstauskünfte zu Protokoll gibt: „Ich bin eben kein Star im Sinne des europäischen Individualismus.“

In Bert Neumanns Zeltbühne sitzt das Publikum auf dem Boden, das Kollektiv der Pollesch-Performer (Inga Busch, Christine Groß, Gordon Murphy Kirchmeyer, Volker Spengler und Susanne Strenger) aalt sich hinter einer Sperrholzwand. Nur ab und zu legen sie kleine rockige Auftritte hin und verwandeln sich in Jahrmarktausrufer, Abba-Imitatoren („SOS“) oder Ökonomie-Verweigerer, die ihre Geldscheine und Kreditkarten wegwerfen und sich in einer Art post-ökonomischem Befreiungsritual auf dem Boden wälzen. Aber am liebsten lassen sie uns ihre lustigen Parolen „gegen diese heterozentristische Scheiße hier“ per Live-Video aus dem konspirativen Off zukommen: audiovisuelle Bekennerschreiben gegen den globalen Markt.

Weil das Stück vor drei Wochen bei den von den Gewerkschaften mitfinanzierten Ruhrfestspielen in Recklinghausen Premiere hatte, reflektiert Pollesch so böse wie genau die Hilflosigkeit, mit der die Gewerkschaften auf den härter werdenden Kapitalismus und das Wegbrechen der sozialen Sicherungssysteme reagieren. Einerseits solidarisiert sich die Inszenierung mit den Protestbewegungen gegen den Neoliberalismus, gleichzeitig macht Pollesch als professioneller Außenseiter die Grenze deutlich, die ihn vom Mittelstands-Mainstream des DGB trennt: Wer noch nie zur gesellschaftlichen Mitte gehört hat, nimmt mit leichter Schadenfreude zur Kenntnis, wie den Bürgern die Sicherheiten wegbrechen. Und vertraut auf Schattenökonomie, soziale Netzwerke und die Überlebenstricks der Marginalisierten: „Ich bin für dich da, das war schon immer so, gerade wo jetzt die Sozialverträge gekündigt werden.“

Als kleine Übung für die neue Armut führen Polleschs Leute vor, was ihr Regisseur in den Armenvierteln Brasiliens gelernt hat: den Handel mit Elektroschrott, eine Ökonomie jenseits der Plusfilialen des Stücktitels. Die harte Dosis Theorie wird sehr lässig und elegant mit persönlichem Sprechen, Kalauern gegen „diese Dritte-Welt-Metropole-Aldi-Süd“ und Momenten von Intimität und Verletzlichkeit kurzgeschlossen. Darin liegt die Stärke dieses Abends. Am stärksten ist er, wenn sich Agit-Prop, Kalauer und Trauer berühren. Weil der Markt auch Menschen zu Waren macht, sieht man wie die Gesichter der Schauspieler auf der Großleinwand von einer grünen Schrift überschrieben werden: „Haltbar bis 20.4.2008“.

Pollesch jagt den Zuschauer durch einen Overkill an Zeichen, Assoziationen und Pointen. Wer verwirrt aus einer Aufführung taumelt, kann Polleschs rasante Texte jetzt in einem Buch des Berliner Synwolt Verlages lesen („Zeltsaga“). Eine schöne Fortsetzung des Hochbeschleunigungs-Theaters mit anderen Mitteln.

Wieder 28. und 29. Mai, 3. und 4.Juli

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