Kultur : Karaoke-Kirche

Seoul präsentiert sich in Frankfurt am Main

Christian Huther

Seoul ist eine Megacity. 70 Prozent der Menschen wohnen in Apartments, ein Haus mit Garten ist verpönt. Detroit dagegen ist eine Geisterstadt. Viele Eigenheime stehen leer, Grundstücke werden als Gärten genutzt. Wachstum und Schrumpfung wechseln sich ab, seitdem es Städte gibt. Weder ist das eine nur positiv, das andere nur negativ zu bewerten, auch wenn der Wandel seit 1990 immer rasanter wird. Diese Trends beleuchtet nun das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main in zwei Ausstellungen.

Die erste Schau widmet sich Südkorea, das innerhalb kurzer Zeit industrialisiert wurde. Inzwischen leben 23 von 50 Millionen Koreanern im Ballungsraum Seoul. Damit ist Seoul die zweitgrößte Stadt der Welt, hat aber die zweitniedrigste Dichte an Hochhäusern und die weltweit höchste städtische Verdichtung. Daher kann in Seoul künftig nur noch in die Höhe gebaut werden. Doch ein Wohnungskauf ist teuer. Ein Apartment mit 85 Quadratmetern kostet eine halbe Million US-Dollar.

Überdies herrschen in Südkorea andere Vorstellungen von Architektur. Öffentliche Nutzungen gibt es nur in Gebäuden, nicht wie bei uns auf Plätzen oder vor Monumenten. Folglich ist das Verhältnis der Bauten untereinander nicht wichtig. Die Bauten dagegen werden durch die öffentliche Nutzung multifunktional. Eine Kirche kann auch eine Karaoke-Bar beherbergen. Viele dieser Fakten vermittelt die überaus anregende südkoreanische Schau und präsentiert 16 Büros mit je zwei Projekten aus den letzten zehn Jahren.

Die jüngeren, in Amerika oder Europa ausgebildeten Baumeister haben längst ihren eigenen Stil zwischen Tradition und Moderne gefunden. Diesen Brückenschlag sucht etwa Choi Moongyu mit seinem Geschäftshaus im alten Kunsthandwerkerbezirk Insa-dong. Die kleinteilige Bebauung der Umgebung nahm Choi mit zwei niedrigen Riegelbauten auf und lagerte sie einem großen Komplex mit raffiniert geführtem Innenhof, ausladender Treppe und Dachterrasse vor.

Aber auch in Südkorea schrumpfen ganze Regionen, etwa in der Bergarbeiterstadt Cholam, wo keine Kohle mehr gefördert wird und die Bewohnerzahl von 30 000 auf 4000 zurückging. Dort werden alte Häuser renoviert, um Bedürftigen ein Zuhause zu bieten. Eine langfristige Perspektive ist das aber nicht. Diese entwickelt seit 2002 das Projekt „Schrumpfende Städte“. Auch ihre neuen Ideen sind in Frankfurt zu sehen, von Duisburg bis Detroit, von Halle bis Hakodate. Christian Huther

Frankfurt am Main, Deutsches Architekturmuseum, Schaumainkai 43, bis 17. Februar. Korea-Katalog 28 €.

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