Kultur : Kardinalsernennungen: Rom wie es singt und lacht

Werner Raith

Das Protokoll ist knapp und streng: "Die Mitglieder des Kardinalskollegiums und die neuen Kardinäle werden gebeten, sich um zehn Uhr auf dem Petersplatz einzufinden und dabei den roten Talar, den Chorrock und den Schulterumhang zu tragen." Alle anderen Würdenträger der Kirche haben im "entsprechenden Chorgewand" zu erscheinen.

Die Plätze für die gut fünftausend Geladenen zur feierlichen Ernennungszeremonie der 44 neuen Kardinäle sind bereits seit Tagen vorbereitet; die italienische Polizei probiert immer mal wieder die gut zwei Dutzend Metalldetektoren für den Zugang zur Piazza aus. Alle paar Minuten braust eine schwere Limousine mit Blaulicht heran und bringt, nach entsprechender Legitimation bei den Schweizergardisten, Eminenzen und solche, die es bald sein werden, ins Innere der "Città del Vaticano". Alle anderen, die auch irgendetwas mit der Sache zu tun haben, aber nicht so hochrangig sind, müssen sich zu Fuß bequemen - und tun dies in der Regel so, dass man schon am entschiedenen Schritt und hoch erhobenen Haupt leicht erkennt: Aha, wohl wieder einer, der bei der feierlichen Weihe oder der "öffentlichen Vorstellung" mit persönlicher Aushändigung des Kardinalsringes im Innersten des hermetisch abgesperrten Karrees der Führungskräfte zu sehen sein wird.

Rom in einer Art Belagerungszustand: Dutzende Mannschaftswagen der Polizei und der Carabinieri, der Stadtpolizei sowie mit schnellen Motorrädern herumbrausende Zivilstreifen (erkennbar an ihren Pistolen an der Hüfte) machen nicht nur Taxifahrern, sondern auch simplen Touristen das Leben schwer: Keine hundert Meter, schon wird man angehalten, weil gerade wieder ein Konvoi erwartet wird und daher die Straße geräumt werden muss.

Erschwert wird das Ganze durch die gleichzeitige Anwesenheit des ägyptischen Staatspräsidenten Mubarak, der auch eine Visite im Vatikan macht und dessen Eskorte nicht selten erregt die Begleitfahrzeuge der hochmögenden Kirchenmänner verscheucht. Vor den Botschaften jener Länder (22 an der Zahl), aus denen die neuen Kardinäle angereist sind, wurden die Wachen verstärkt - was wiederum auf den jeweils gegenüber liegenden Straßenseiten Hunderte Schaulustige anlockt.

Zu den ersten Ankömmlingen zählen die aus Spanien und Brasilien, Portugal, Syrien und der Elfenbeinküste, Ecuador, Chile und Polen. Die Deutschen und die Amerikaner zeigen erst später Präsenz - obwohl das Interesse am US-Kardinal Dulles aus der Politiker-Dynastie und an dem nachträglich noch schnell ernannten, moderat widerspenstigen Mainzer Bischof Karl Lehmann zweifellos besonders deutlich ist.

Auf jeden Fall erwarten sich die nach Polizeischätzung extra für das Ereignis angereisten vierzigtausend Gläubigen in diesen zwei Tagen Großes: "Wir sind gekommen, den neuen Papst zu sehen", erklärt ein mit einem gelben Fähnlein bewehrter japanischer Reiseführer, und eine Donna Felicidad aus Argentinien möchte den Auserkorenen sogar "in jedem Fall berühren und so Segen mit in meine Heimat nehmen".

Die nächste Papstwahl vorbestimmt

Moment mal: Zunächst geht es hier ja wohl nur um die Ernennung von Kardinälen, nicht um einen neuen Papst. Nichts zu machen: Der Glaube, dass sich unter den vierundvierzig Neupurpurnen auch ein künftiger Heiliger Vater befindet, ist unbeirrbar. "Wozu ernennt er sie denn jetzt, wenn sie danach nicht Papst werden sollen?", fragt irritiert ein Mütterchen aus Tittmoning, das seit dem frühen Morgen Möglichkeiten studiert, wie man "trotz der vielen Absperrungen den Mantel der Kardinäle streicheln kann". Tatsächlich hat die Einzigartigkeit dieser Massen-Erhebung in den Kardinalsstand die Katholikengemeinde offenbar in der Vorstellung bestärkt, hier werde die nächste Papstwahl vorbestimmt: 44 Neue, das ist gut ein Drittel derer, die nach dem Tod (oder dem noch immer nicht ausgeschlossenen Rücktritt) von Johannes Paul II. über der Wahl eines Nachfolgers brüten werden.

Freilich lehrt die Kirchenhistorie auch, dass es noch niemals einem amtierenden Oberhirten gelungen ist, das nächste Konklave auf einen Nachfolger hin zu programmieren. Einmal ernannt, pflegen sich die Purpurträger in der Regel eher zu verhalten wie weltliche Kurfürsten, die bei der Kaiserwahl nach Eigeninteresse und ohne viel Dogmatik abstimmen und so keineswegs den Vorstellungen des Hingeschiedenen entsprechen. Einteilungen nach "konservativ" oder "liberal", "Drittweltvertreter" oder "Zentralist" haben da nicht immer Aussagekraft.

Doch das ändert nichts daran, dass die Menschen auf dem Petersplatz über die Erinnerung an eine erhebende Zeremonie hinaus auch das Gefühl mitnehmen, einem Ereignis beigewohnt zu haben, das sich ganz, ganz "droben" in der Hierarchie ihrer Kirche abgespielt hat und vielleicht einmal Weichen für viele Jahrzehnte stellen wird.

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