Warum Männer, die in Führungsetagen sitzen, nicht besonders sozial funktionieren

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Karen Duve im Interview : „Chefs sind oft Psychopathen“
Kämpferisch. Die Schriftstellerin und Essayistin Karen Duve, Jahrgang 1961.
Kämpferisch. Die Schriftstellerin und Essayistin Karen Duve, Jahrgang 1961.Foto: Thomas Müller

Ist die Unterteilung in dominante, egomanische Männer und empathische, sozialverträgliche Frauen nicht finsterer Biologismus?

Das ist allerfinsterster Biologismus, andererseits ist es aber auch sehr unwahrscheinlich, dass die Biologie überhaupt keine Rolle spielt. Was dafür spricht, ist, dass in keiner, aber auch wirklich keiner Gesellschaft jemals alle wichtigen Posten von Frauen besetzt waren. Es lässt sich wohl kaum mit Zufall erklären, dass es überall und zu allen Zeiten fast immer nur Männer waren. Ich lege aber keinen gesteigerten Wert darauf, recht zu behalten. Es ist das, was die Neurologen sagen, aber natürlich könnte es auch an der Erziehung liegen statt am Ypsilon-Chromosom. Ich würde mich freuen, wenn mir jemand das Gegenteil belegt.

Sie kreiden den Führungskräften auch „Generationenimperialismus“ an.
Natürlich. Früher hat man Kolonien ausgebeutet und bis heute leben die Bewohner der Industrienationen auf Kosten anderer Ländern. Und jetzt müssen eben auch noch die eigenen Kinder – selbst in den Industrienationen – daran glauben. Die unter 20-Jährigen sollen ihre Zukunft als Tribut an ihre Eltern und Großeltern abtreten, damit die so weitermachen können wie bisher. Führungskräfte sind ja meistens so um die 60 Jahre alt.

Dass die Idee unbegrenzten Wirtschaftswachstums angesichts begrenzter Ressourcen Wahnsinn ist, weiß jeder. Wie erklären Sie sich, dass das trotzdem fast kein Entscheider thematisiert oder gar danach handelt?
Das ist die Schwachstelle in der Demokratie, dass die, die man wählen kann, eben auch wieder gewählt werden möchten. Da macht sich Verzicht predigen nicht gut. Und dann gibt es in der Bevölkerung die Vorstellung, dass einem das so lange gelebte gute Leben einfach zusteht, dass es möglich sein müsste, das Problem Klimawandel zu lösen, ohne am gewohnten Luxus zu kratzen.

Duve fordert: Lass uns wenigstens Zeit herausschinden für das Weiterleben der Menschen

Dass das unmöglich ist, versteht jeder. Die Fantasie eines Chefs müsste doch so weit reichen, zumindest das Überleben eigener Enkel sicherstellen zu wollen.
Sollte man glauben. Aber da greift, dass die Leute, die in Führungsetagen sitzen, nicht besonders sozial funktionieren. Politiker und Manager haben 16-Stunden- Tage und sind abgekoppelt von der Gesellschaft, Freunden und Familie. Hinzu kommt, dass Menschen nicht das glauben, was logisch ist und der Faktenlage entspricht, sondern was sich gut anfühlt, wenn man es glaubt. Zudem: Wenn man aus dem Fenster schaut, dann sieht doch alles normal aus. Ich habe selbst bei den Recherchen oft gedacht, spinne ich jetzt oder ist das wirklich wahr? Den Weltuntergang zu denken – das kommt einem so übertrieben, so irreal vor. Aber die Klimaforscher und Sozialwissenschaftler gehen davon aus, dass er kommen wird. In Jahrzehnten, nicht Jahrhunderten.

Sie vertreten die biologistische Position, dass der Planet ohne uns besser dran ist. Wieso machen Sie sich dann die Mühe, zur Verhaltensänderung aufzurufen?
Weil sich das so leicht sagen lässt, wenn man über die Menschheit schwadroniert, die den Globus wie eine böse Krätze überzieht. Aber wenn ich dann Besuch von meiner Freundin mit ihren zuckersüßen und echt netten Kindern bekomme, dann denke ich: Ich will denen das nicht zumuten. Lasst uns Zeit herausschinden, damit es wenigstens die noch nicht trifft.

Das Gespräch führte Gunda Bartels.

Karen Duve: Warum die Sache schiefgeht. Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen. Galiani Verlag, 192 S., 12 €). Die Autorin stellt ihr Buch am 30. Oktober um 20 Uhr im Heimathafen Neukölln vor (Karl-Marx-Str. 141).

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