Karikatur : Stöckelschuhe für den Diktator

Alsature heißt soviel wie Zerhacker: Und bei Libyens bekanntestem Karikaturisten ist der Name Programm. Eine Begegnung.

Jorn de Cock
Was willst Du wissen, fragt die Wahrsagerin den schlappohrigen Diktator.
Was willst Du wissen, fragt die Wahrsagerin den schlappohrigen Diktator.Foto: http://alsature.wordpress.com

Das Licht der Welt erblickte Alsature 1979. „Der arabische Name bedeutet soviel wie ,Zerhacker’“, sagt sein libyscher Schöpfer. „Wenn ein Metzger einen Tierkadaver spaltet, sieht man die Struktur des Fleisches. Genauso wollte ich mit meinem Bleistift die verderbliche Natur des Regimes von Gaddafi aufdecken.“

Das Pseudonym sei ein Statement und eine Sicherheitsmaßnahme, erklärt der Satiriker. „Ich habe zeitlebens böse Zeichnungen von Gaddafi gemacht. Meine Familie in Bengasi würde in Schwierigkeiten geraten, wenn das Regime wüsste, wer ich bin.“ Weshalb zwar keiner weiß, wie Alsature aussieht, aber fast jeder Libyer ihn kennt, ob im Land selbst oder im Exil. Auf http://alsature.wordpress.com sind seine Karikaturen und digitalen Collagen versammelt: Gaddafi mit seinen eigenen Klonen, Gaddafi römisch dekadent, als Diva oder mit bombigem Kopf, als Revolutionsführer 1969 und als Weltenlenker im McDonalds-Outfit 2011. Oder als verschreckte Maus, die sich vor der Nato-Katze ins Loch flüchtet.

Humor ist ein seltenes Gut in Diktaturen. Ob Mao, Stalin, Saddam oder Muammar al Gaddafi: Diktatoren wollen von ihren Untertanen gefürchtet werden, oder wenigstens respektiert. Oft fühlt sich ein Diktator weniger von politischen Gegnern bedroht als von Humoristen wie Alsature. Nicht selten haben Despoten nur deshalb Menschen ins Gefängnis geworfen, weil diese über sie lachten.

Der libysche Künstler ist heute ein Mann von 55 Jahren, dessen Augen noch immer jugendlich funkeln. Er stammt aus Bengasi, die politischen Umstände zwangen ihn früh ins Exil. „Meine Kindheit in den 60er Jahren habe ich genossen“, sagt er. „Ich spielte in einem populären Basketballteam und liebte die Kunst, obwohl ich nie daran dachte, daraus eine Karriere zu machen. Aber dann kam die Revolution von 1969, und ich hegte vom ersten Tag an eine Abneigung gegen Gaddafi. Ich ärgerte mich über sein Lächeln, sein Aussehen. Alles an ihm war falsch.“

Als die Lage schlimmer wurde, als immer mehr Menschen ermordet wurden oder verschwanden, wollte Alsature nach London. Im Kino in der Nähe des Alten Gerichtsgebäudes von Bengasi – wo heute das Herz der Revolution schlägt – hingen damals Fotos der britischen Hauptstadt, mit den Beatles und Mini Coopers. Das gefiel dem jungen Mann. 1975 ging er nach England, er gab an, dort Ökonomie studieren zu wollen. „In Wahrheit habe ich nichts studiert. „Ich war 21, wollte Spaß haben und experimentieren, mit allem, was mir verfügbar war. Ich genoss die Musik, die Szene in London.“ Zwischendurch musste er neue Tricks erfinden, um sein Visum zu verlängern.

Angesichts der täglichen Nachrichtenbilder von der Rebellion in Bengasi und Misrata kann man sich das heute kaum vorstellen: Dass Opposition gegen Gaddafi lange unmöglich war. Im Jahr 1973 hatte der Diktator n der Stadt Zuwarah in einer Rede seine „Kulturrevolution“ angekündigt: Überall im Land würde es „Volkskomitees“ geben und alle mit abweichender politischer Meinung sollten „weggesäubert“ werden. So wurden am 7. April 1976 Dutzende von Studenten in Bengasi getötet, weil sie auf den Straßen gegen das Regime demonstrierten. Hunderte landeten im Gefängnis. Am ersten Jahrestag legte Gaddafi den Grundstein für eine grausame Tradition: Jedes Jahr am 7. April wurden politischen Gegner öffentlich erhängt. Gaddafi wollte zeigen, wer der Boss war – und zwang die politische Opposition ins Ausland.

In London, Rom, Kairo oder Washington taten sich Hunderte von jungen Verbannten zu Widerstandsgruppen zusammen, gemeinsam mit ehemaligen Funktionären des Regimes. In England entstanden Gruppen wie die linke Nationale Demokratische Bewegung Libyens oder die monarchistische Libysche Konstitutionelle Union. Gaddafi sandte Geheimagenten nach Europa und Amerika, die mindestens 25 dieser Dissidenten ermordeten. Immerhin gelang es einem ehemaligen libyschen Botschafter 1981, mit einigen Geschäftsleuten und konservativen Muslimbrüdern die Nationale Front für die Rettung Libyens ins Leben zu rufen, die drei Jahre später einen Anschlag auf Gaddafis Hauptquartier in Tripolis organisiert. Er wurde jedoch vereitelt.

Lachen über Gaddafi
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27.05.2011 20:16Was willst Du wissen, fragt die Wahrsagerin den schlappohrigen Diktator.

„In London kaufte ich 1979 eher zufällig eine libysche Zeitung der Opposition“, erinnert sich Alsature. Da sei ein Funke übergesprungen. Er schrieb einen Brief an die Zeitung, schon am nächsten Tag rief Oppositionsführer Mahmud al Maghribi, ein ehemaliger Premierminister Libyens, bei seiner Schwiegermutter an. Alsature war zwar inzwischen verheiratet, aber ein Telefon hatte er nicht. Damals fing er an, sich politisch einzumischen: mit seinem Stift. Er zeichnete Karikaturen in verbotenen oppositionellen Zeitungen – die Geburtsstunde von Alsature.

„Es waren chaotische Jahre“, sagt er heute. Ständig mussten sie vor Gaddafis Schergen auf der Hut sein, und die Opposition war bald hoffnungslos gespalten. Also nahm Alsature auch die verschiedenen politischen Gruppen selbst aufs Korn. Er war wütend auf alle: „Nicht Gaddafi hat die politische Opposition getötet, die Opposition hat sich selber auf dem Gewissen!“ Sein Ruhm wuchs schnell. Alsature veröffentlichte, gab Fotokopien seiner Zeichnungen an Freunde weiter. Bald darauf erhielt er Briefe von Libyern aus Ägypten oder den USA. Seine Kopien waren weiterkopiert worden, hatten sich weltweit verbreitet und wurden auch in sein Heimatland geschmuggelt. Und die staatlichen Medien Libyens begannen, ihn prompt als Hurensohn, Homosexuellen, Alkoholiker und Junkie zu beschimpfen.

In den 90er Jahren gönnte Alsature sich eine Pause, studierte Kunst und lehrte als Dozent an einer britischen Kunstakademie. „Ich hatte die Politik satt“, gibt er zu. „Es gab keinen Mangel an Inspiration – 1996 hatte Gaddafi alle 1200 Gefangenen im Abu-Salim-Gefängnis bei Tripolis ermorden lassen. Aber ich malte, was mich damals wirklich beschäftigte: Szenen aus der Jazz-Szene, in hellen Farben.“ 1999 änderte sich das wieder. Alsature war begeistert vom Internet und den neuen Möglichkeiten der digitalen Kunst sowie der raschen Verbreitung seiner Arbeit. Und er hatte die Arbeiten des französischen Karikaturisten Honoré Daumier gesehen, der im 19. Jahrhundert König Louis-Philippe von Frankreich als Birne porträtierte.

„Ich nutzte alle neuen Tricks, die mein Computer konnte. Wenn Gaddafi wieder in einem auffälligen Gewand herumlief, fügte ich digital Bleistiftabsätze und Lippenstift hinzu. Ich zeichnete ihn nackt mit dickem Bauch als römischen Kaiser Nero, während im Hintergrund Tripolis brennt. Es klingt ein wenig kindisch, aber für unsere eher konservative Kultur war das alles ziemlich grob,“ lacht der Künstler. Es funktionierte. Seit zehn Jahren wird er regierungsoffiziell wieder als Hurensohn und Homosexueller beschimpft.

Am 15. Februar sah Alsature in den Nachrichten, wie Frauen in Bengasi Parolen gegen Gaddafi riefen. Sein Telefon klingelte den ganzen Abend. Ein paar Tage später sah er TV-Bilder von jungen Leuten, die Gaddafi in Frauenkleidern an die Hauswände von Bengasi malten. Alsature dachte: Gut so, Jungs.

Mittlerweile produziert er Karikaturen und Animationsfilme für Libya TV, den neuen Fernsehkanal der libyschen Opposition, der zur Zeit noch von Katar aus operiert. Alsature will bald nach Bengasi reisen, in die Stadt, die er 36 Jahre lang nicht besuchen konnte – und zurück nach England gehen. „Wenn die Revolution vorbei ist, höre ich mit der Politik auf“, sagt er. Dann will er zur Malerei zurückkehren und zum Jazz. Gaddafi als Inspirationsquelle wird ihm nicht fehlen: Schon jetzt steht ihm kaum noch der Sinn danach, den Diktator zu zeichnen.

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