Karl Bruckmaiers "The Story of Pop" : Wie der Pop in die Welt kam

In seinem Buch "The Story of Pop" datiert Karl Bruckmaier den Beginn der Popmusik überraschend früh: im 9. Jahrhundert. Und sie ist mit Elvis, den Beatles, Dylan und Hip-Hop noch lange nicht zu Ende.

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Momente des Glücks. Fans beim Woodstock-Festival 1969 in White Lake bei New York. Den weltweiten <QA0> „Summer of Love“ beleuchtet Karl Bruckmaier aus zahlreichen Perspektiven.
Momente des Glücks. Fans beim Woodstock-Festival 1969 in White Lake bei New York. Den weltweiten „Summer of Love“ beleuchtet...Foto: Keystone / Keystone

Es ist erstaunlich, dass von dem Wörtchen Pop noch immer ein helles Leuchten ausgeht. Auch dem Pop an sich wohnt nach wie vor ein großer Zauber inne – trotz aller Schrammen und Beulen, die er sich in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten zugezogen hat: von den Kids, die eben nicht mehr „alright“ sind, über die Loveparade-Auswüchse und -Tragödien bis hin zu der fast schon totalitären Allgegenwart der Popkultur. Insofern klingt es verheißungsvoll, wenn ein Buch im Titel verspricht, gleich die ganze Geschichte des Pop zu erzählen. „The Story of Pop“: Wenn da nicht, bei aller zu erwartenden kritischen Analyse, eine Menge Glamour und Glitter abfällt!

Der Autor dieser Popgeschichte, Karl Bruckmaier, Jahrgang 1956 und einer der besten, versiertesten Popkritiker des Landes (der unter anderem für die „Süddeutsche Zeitung“ und den Bayerischen Rundfunk arbeitet), warnt jedoch gleich im Intro. Seine Geschichte sei auch „ein Schaben und Kratzen. Ein Jaulen und Heulen und Zähneknirschen“. Überhaupt gebe es „gutes Schreiben über Pop“ nicht umsonst oder „zum Listenpreis“: „Ein bisschen muss man sich schon anstrengen, ein bisschen was muss man mitbringen, ein bisschen was muss man sich bieten lassen.“

Ziryab wurde in Cordoba "Herr über 10.000 Lieder"

Genau so verhält es sich hier. Bruckmaier erzählt eine sehr eigenwillige Geschichte des Pop, eine nicht immer ruhmreiche, alles andere als glamouröse zumal. Datiert die gewissermaßen traditionelle Popgeschichtsschreibung die Anfänge in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts, verlegt Bruckmaier diese überraschenderweise ins Cordoba des 9. Jahrhunderts. Hier wurde ein schwarzer, aus Bagdad stammender Musiker namens Ziryab zum „Herrn über zehntausend Lieder“. Ziryab brachte aus Bagdad nicht nur ganz neue Klänge mit nach Europa, persische und indische Musik; er fügte der arabischen Laute zudem eine fünfte Saite hinzu und zupfte diese nicht mehr mit einem Stück Holz, sondern mit dem Federkiel, auf dass die Musik sanfter, schöner und wohlklingender werde.

Bruckmaiers „Story of Pop“ ist zunächst vor allem eine der Migration, der freiwilligen wie der unfreiwilligen, über Jahrhunderte hinweg. Nach Ziryab kommen die Sklaven aus Afrika, die sich in den arabischen und spanischen Herrschaftsgebieten verdingen müssen und schlimmer als Tiere behandelt werden. Aber sie haben ihre Musik und vermögen ihre musikalischen Einflüsse auszuüben. „Und haben wir hier nicht schon einen ersten Fingerzeig für die Grundbedingungen von Pop?“, fragt Bruckmaier. „Europa plus Afrika plus ein unerwartet sich öffnender Freiraum am anderen Ende der Welt?“

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