Karl der Große : Der erste Europäer

Vor 1200 Jahren starb Karl der Große. Unter seiner Herrschaft erlebte das logische, überprüfbaren Regeln unterworfene Denken eine Renaissance. Was er aus den Ruinen des römischen Reiches rettete, wirkt bis heute fort.

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Detail des Karlsschreins im Aachener Dom aus dem 13. Jahrhundert. Karl hält die Kirche in der rechten Hand.
Detail des Karlsschreins im Aachener Dom aus dem 13. Jahrhundert. Karl hält die Kirche in der rechten Hand.Foto: ullstein bild

Zumindest der Tag ist sicher: Morgens am 28. Januar 814, einem Samstag, starb Karl der Große. Sieben Tage lag er darnieder, am Ende litt er wohl an Rippenfellentzündung und verweigerte jegliche Speise. Wo genau sein letztes Lager stand, lässt sich 40 Generationen später nicht mehr so genau sagen. Es war in Aachen, doch keine Spur hat sich von den Wohngebäuden des Herrschers erhalten. An Stelle der Königshalle steht Aachens gotisches Rathaus inzwischen auch schon fast 700 Jahre. Übrig ist der Granusturm und das Oktogon im Aachener Dom, zu Karls Zeiten der größte Kuppelbau nördlich der Alpen. Noch am Tag seines Todes wurde Karl hier beigesetzt.

1200 Jahre später, am gestrigen 25. Januar, wieder ein Samstag, war der Dom Schauplatz einer Pontifikalvesper, die das Karlsjahr eröffnet. Heute, am Sonntag, feiert das Volk, serviert wird unter anderem eine „Karlswurst“ nach mittelalterlichem Rezept. Und das ist noch lange nicht der Höhepunkt. Den werden drei Ausstellungen unter dem Titel „Macht, Kunst, Schätze“ bieten, die im Juni beginnen.

Nicht nur Aachen feiert. In Lüttich ist der 1200. Jahrestag von Karls Tod ebenfalls Anlass zum Gedenken, Belgien gehörte zum fränkischen Kernland. Aber Karl war auch Schweizer, im Zürcher Landesmuseum endet am 2. Februar die Karl-Ausstellung. Und während man in Deutschland Karl lange als ersten deutschen Kaiser ansah, war für die Franzosen klar: Charlemagne war ihr erster Kaiser.

Aachen? Kann für sich das Zeugnis von Zeitgenossen bemühen. Alkuin, Karls angelsächsischer Hofintellektueller, lobte die Stadt, damals kaum mehr als ein Ort, als neues Athen. Hofchronist Einhard feierte es als „zweites Rom“. Von so viel Ruhm blieb der Aachener Karlspreis, seit 1950 wird er für Verdienste um die europäische Einigung verliehen. Schließlich priesen die Dichter seinerzeit den Karolinger bereits als „Vater Europas“. Ohne freilich eine genaue Vorstellung von Europa zu haben, wie der Historiker Michael Borgolte sagt.

In die Figur Karls wurde bereits zu Lebzeiten viel hineininterpretiert. Einhard beschrieb ihn als sieben Fuß groß, aber er verfasste seine Vita Karoli Magni zum Lobe des Herrschers. Da muss mit Schmeicheleien gerechnet werden. Immerhin, die Gebeine, die im Karlsschrein lagern, verweisen auf einen Mann über 1,80 Meter – wenn sie echt sind. Der erste Kaiser, der nicht aus dem römischen Reich kam, wurde erst 400 Jahre nach seinem Tod in den damals neu geschaffenen Schrein umgebettet.

Die Karolinger hatten als hohe Hofbeamte ihre Vorgänger, die Merowinger, entmachtet

Mit den vielleicht wildesten Spekulationen über Karls Zeit schaffte es der Germanist Heribert Illig vor knapp 20 Jahren in die Feuilletons. Illigs These von der Phantomzeit gipfelte darin, dass es etwa 300 Jahre zwischen 614 und 911 gar nicht gegeben hätte, ein erfundenes Mittelalter, basierend auf Fälschungen. Illigs mehr als gewagte These ist überwunden, ein paar Anhänger gibt es immer noch.

An Versuchen, die Fakten zu rekonstruieren, fehlte es nie. Erst recht nicht heute, da aus Anlass des Gedenkjahres mehrere neue Titel erschienen sind. Anders als der Todestag ist das Geburtsdatum nicht so gut belegt, wahrscheinlich war es der 2. April 748. Es gab Gründe, sich das Datum nicht so genau zu merken. Wer wollte angesichts der damaligen Säuglingssterblichkeit schon darauf setzen, dass aus dem Knaben etwas würde? Überdies war 748 kein Jahr, in dem man viel auf Akten gab. Das sollte sich ändern.

Karls Vater Pippin war der erste König aus dem Geschlecht der Karolinger, die als hohe Hofbeamte ihre Vorgänger entmachteten, die Merowinger. Die hatten zu den Erben des kollabierenden römischen Reiches gehört, herrschten über Nordfrankreich und Belgien, richteten sich wie andere germanische Völker ein in römischen Ruinen. Die Straßen des untergegangenen Imperiums verfielen, seine Städte schrumpften, einschließlich Rom selbst. Die Pax Romana mit einheitlichem Wirtschaftsraum, Währung und Maßen – es gab sie nicht mehr. Die römischen Bibliotheken? Aufgelöst, ihre Bücher konnte kaum mehr jemand lesen.

Die Merowinger haben nicht viel Schriftliches hinterlassen, ihre Geschichten werden nicht mehr erzählt – außer vielleicht von Dan Brown, der in seinem Roman „Sakrileg“ behauptet, die Merowinger stammten von Jesus und Magdalena ab. Eine Legende, basierend auf einer Fälschung aus dem 20. Jahrhundert.

Es war kein sehr beeindruckendes Erbe, um das Karl 768 auch noch mit seinem Bruder stritt, bis er allein König war. Rücksichtslos machte er etwas daraus. Konkurrenten wurden geblendet, verstümmelt, verschwanden hinter Klostermauern. Chronist Einhard zählt acht Kriege in 30 Jahren. Angeblich ließ Karl 4500 Sachsen hinrichten. Die Awaren, ein Reitervolk im heutigen Österreich und Ungarn, wurden vernichtet. Karl beherrschte schließlich ein Gebiet, das von der Elbe bis zu den Pyrenäen reichte, von der Nordsee bis Rom.

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