Kultur : Karl-Heinz Eckert zeigt seine Arbeiten im Berliner Haus am Lützowplatz

Katrin Bettina Müller

Es funktioniert wie ein Puzzlespiel ohne Vorlage. Das Leben selbst sondert die einzelnen Elemente ab, die von Karl-Heinz Eckert zusammengesetzt ein vielfältiges Bild der Welt liefern. Stechapfelbaumzweige steckt er zu filigranen Skulpturen zusammen, in verbogenen Drähten findet er Zeichnungen, die übereinandergelegt zu Gesichtern und Schriften werden. In einem Tropfen kristallisierter Fotochemikalie entdeckt er in der Vergrößerung eine grafische Struktur, als habe ein expressionistischer Maler Ufergestrüpp und Dickicht fixiert. Plattgefahrene Fundstücke von der Straße legt er mit Blattgold überzogen in eine Vitrine wie den rätselhaften Fund eines Archäologen.

Alles ist schon dagewesen, bevor es der Künstler aufgegriffen hat. Aber erst bei ihm entsteht daraus ein Bild, das nicht nur über die Transformation der Dinge sondern mehr noch über die Sehnsucht nach Bildern als Schlüssel zur Welt erzählt. Das klingt emphatisch, zugegeben. Doch Sprache, Bild und Ding gehen in Eckerts großenteils fotografisch realisiertem Werk eine Verbindung ein, die jede metaphysische Spekulation gleich wieder auf den Boden der Erfahrung zurückholt.

Da ist zum Beispiel Narziss, der als Mythos den Anfang jeder Theorie der Spiegelung und der Selbsterkenntnis über das eigene Bild bewacht. Bei Eckert ist Narziss ein Hund, der in einer Pfütze spielt. Ihn kümmert kaum sein Spiegelbild im Wasser, und Probleme der Identität schüttelt er von sich ab wie die nassen Tropfen aus seinem Fell. Mit einer Spielzeugkamera hat Eckert das Tryptichon von "Narziß & Pfütze" aufgenommen und befreit mit dieser Low-Tech-Methode die Metapher von den Spuren der Verkitschung.

Ohne das Licht der Sonne gäbe es das Leben auf der Erde ebenso wenig wie die Fotografie. Ohne die Bewegung der Planeten ist keine Erfahrung der Zeit vorstellbar. Der Zeit und dem Sonnenlicht ist eine Serie von Bildern gewidmet, "Sonnensieb & Wolkenträger", deren Entstehung fast wie eine "natürliche" Fotografie anmutet. Im Sommer 1991 entdeckte Eckert im Gleimtunnel zwischen Wedding und Prenzlauer Berg, dass die Löcher in der Tunnelabdeckung wie eine Camera Obscura funktionieren. Bilder der Sonne und Wolken schoben sich über die Stahlträger des Tunnels in Vielfachprojektion. Doch um diese nur bei gutem Wetter sichtbare Erscheinung fotografisch zu fixieren, musste Eckert viele Stunden in dem Tunnel lauern. Die Fotografien von "Sonnensieb & Wolkenträger" dokumentieren so eine Art kosmische Erscheinung, die wie die langsam verrottende Industriearchitektur das Ewige für einen Moment sichtbar macht.

Eckert, seit 1970 in Berlin, hat in den letzten Jahren fast mehr in Zürich und anderswo als hier ausgestellt. Die Galerie Zwinger und Berlinische Galerie zeigten Arbeiten von ihm, doch dem Haus am Lützowplatz ist jetzt der erste größere Rückblick zu verdanken. In seinem Bildbericht "Einige gesammelte Arbeitsbeschreibungen" schildert Eckert das Finden und Produzieren von Bildern so selbstverständlich, wie heute sonst nicht einmal mehr Kochrezepte mitgeteilt werden.Haus am Lützowplatz, Lützowplatz 9, bis 5. März; Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr.

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