Kultur : Karl-Markus Michel: Ein critischer Geist

Michael Naumann

Karl-Markus Michel ist gestorben, im Alter von 71 Jahren, gestern früh, im Krankenhaus, im Schlaf. Nicht zuhause, zwischen seinen Bildern, Grafiken und Büchern. Er war - und wie schrecklich schreibt sich dieses "war" - einer der wenigen "Hommes de Lettres" unseres Landes. Assistent Theodor W. Adornos, Nachfolger von Joachim Kaiser in der legendären Hörspielabteilung des Hessischen Rundfunks. Und dann Lektor des Suhrkamp-Verlages in Frankfurt. Dort hat er, zusammen mit Walter Boehlich, als Inspirator und wahrhaft kritischer Geist (ginge es nach ihm, würden wir es so schreiben: "critisch") die von Georg Steiner so genannte Suhrkamp-Kultur geprägt. Sie war viel mehr als der später überheblich belächelte Versuch, das "Projekt der Moderne" (Habermas) in dem seiner Zeit noch geistesverlorenen Deutschland wieder heimisch zu machen: Es ging ihm darum, den enzyklopädischen Herausforderungen der Aufklärung, nämlich Freiheit und Gerechtigkeit, durch die Vermittlung von Wissen und horribile dictu: "Bildung", Platz zu verschaffen. Ohne politische Heilserwartungen, ohne grundlose Zuversicht, ohne Geschrei, eher durch Beharrlichkeit und Arbeit am Text. "Die hilflosen Intellektuellen", der Titel eines seiner luziden Essays, in einer der ersten Ausgaben des von ihm mit gegründeten und herausgegebenen "Kursbuch", gab den Kammerton seiner ironischen Existenz an. "Kein lautes Wort von Carlo", erinnert sich sein langjähriger geistiger Weggefährte Tilman Spengler.

Als Lektor der Wissenschaftsreihe von Suhrkamp hat er jungen Gelehrten, wie etwa dem Kunsthistoriker Martin Warnke, den Weg in die Öffentlichkeit gebahnt, ein Hüter der klaren Gedankenführung, des richtigen Worts. Hegels Gesamtwerk war Mitte des 19. Jahrhunderts verramscht worden. Michel und seinem Verleger Unseld ist es zu verdanken, dass eine neue Gesamtausgabe den Rückblick auf den viel geschmähten und ungelesenen Denker ermöglichte.

Lektoren sind geborene Zuhörer; Michel zählte zu ihnen. Doch wer mit ihm sprach, wusste, dass er sich stets in einer freundlichen Prüfung befand. Dieser Mann hatte einen sokratischen Charakter: Ein zweifelnder, ein ironischer Blick - er wusste seine Freunde gleichsam auf Niveau zu halten.

Was von ihm bleibt, sind einige Essays, kein schwerwiegendes Werk über hunderte von Seiten. Das ist vielmehr in den Texten anderer Autoren zu suchen, aller jener ungezählten Mitarbeiter des "Kursbuch", des Suhrkamp- und des Syndikat-Verlages, die sich auf ihn verlassen durften.

Wie trauert man um einen der klügsten Köpfe unseres Landes; einen Ästheten sondergleichen? Derlei Worte hätte er sich bereits verbeten.

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