Kultur : Karl-Marx-Allee: Arbeiterpalast? Aktivistenritze?

Robert Kaltenbrunner

In ihrer Art, so der renommierte Baumeister Josef Paul Kleihues, bedeute die Konzeption der Stalinallee eine erste Rückbesinnung auf die konstituierenden Elemente des Städtebaus. Und Cornelius Hertling, der Präsident der Berliner Architektenkammer, zollt einem Boulevard Anerkennung, der schon bei der ersten Wahrnehmung transzendiert werde, weil hier "ein gesellschaftlicher Raum erreicht" wurde wie "nirgendwo sonst in unserer Stadt". Soviel Lob aus heutiger (West) Perspektive auf ein stalinistisches Relikt?

Immerhin, diese Straße bündelt wohl mehr Aufmerksamkeit als irgendeine sonst, wie ein neues Buch der Kunsthistorikerin Simone Hain unterstreicht. Es widmet sich im weitesten Sinne der Sozialgeschichte dieser Allee und ist dabei sehr instruktiv, wiewohl recht akademisch geraten. Die Begleitumstände, unter denen die "Magistrale des Sozialismus" entstand, werden hier herausgearbeitet, insbesondere die parteipolitischen, gesellschaftlichen und kulturellen Akzentverschiebungen, die ihrer Rezeption in den letzten fünfzig Jahren zugrunde lagen.

Panorama und Struktur dieser Allee bieten jedenfalls Anlass genug, den Blick weiter schweifen zu lassen: Wo sonst gibt es ein so augenfälliges Monument jener Epoche, die zwar in aller Munde, doch längst noch nicht erschöpfend aufgearbeitet ist - des Sozialistischen Realismus? Neben dem Warschauer Kulturpalast und der Moskauer Metro gilt die Stalinallee als dessen wesentlichste bauliche Manifestation. Und doch stellt das architektonische Pathos, polemisch als "Kulinatra" (= Kurt Liebknechts Nationale Traditionen) eingedeutscht, nur die Oberfläche dessen dar, was als ausschließliche Definitionsmacht des Staates im Versuchsfeld "sozialistische Stadt" einen Niederschlag fand. Seitens der Politik wurde als Aufgabe der Baukunst gefordert, sie habe nach leichter Verständlichkeit und allgemeiner Zugänglichkeit zu streben, durch Aneignung einer "idealen" Vergangenheit. So ist es denn nicht verwunderlich, dass gerade das Paradigma des "Palastes", das dem kärglichen Alltag gegenübergestellt wurde, eine ganz besondere Anziehungskraft erlangte. Zumindest anfangs schien das Kalkül auch aufzugehen: Die monumentalen Bauten der frühen fünfziger Jahre wurden von vielen Menschen als "die Architektur des siegreichen Sozialismus" empfunden, und eine Identifikation gerade durch ihre histor(ist)ische Bildhaftigkeit erheblich erleichtert. Wie sehr aber gerade die Stalinallee auch als argumentative "Waffe" im Kalten Krieg diente, zeigte im April 1956 ein Preisausschreiben im Westberliner Abend. Zu einem Zeitpunkt, an dem die Chrustschowschen Veränderungen ("Besser, schneller und billiger Bauen") bereits Raum gegriffen hatten, sollten die originellsten Namensvorschläge u.a. mit einem "Wendemantel" belohnt werden. Die publizierten Resultate - Aktivistenritze, Nullenkorso, Straße des Irrtums, Protzdamm, Rote Sackgasse - sprechen diesbezüglich eine deutliche Sprache. Seltsam genug: Was damals als Stigma eines ungeliebten Regimes im Westen weithin auf Ablehnung stieß, erfreut sich heute umso größeren Interesses. Doch den von Wertungen und Ambivalenzen freien Blick auf das steinerne Vermächtnis einer Staatsdoktrin wird man auch von vorliegendem Buch nicht verlangen können. Im Spannungsfeld zwischen einer "kritischen Aneignung der Architektur der DDR" (in welchem denkmalpflegerischen Gewand auch immer), des Nachdenkens über die Probleme einer zeitgemäßen Nutzung (über das bloße Wohnen im "Arbeiterpalast" hinaus) und, nicht zuletzt, der Reflexion über Geschichte und ihre (Nach-)Wirkungen stellen sich mehr Fragen, als es derzeit Antworten gibt. Umso besser, wenn sie überhaupt gestellt werden.

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