Kultur : Karl May: Durch die Bleiwüste

Harald Martenstein

Iman: O Schmach!

Kadi: O Schmach!

Babel: Ein Todesschimpf!

Alle (durcheinander): Ein Todesschimpf!

Scheik: Ein Todesschimpf! Gebt mir ein Schwert, ein Schwert

Und einen Schild

Und nun du Hund, sink nieder --- auf die Knie!

Und sprich die Todes-Sure, denn du stirbst!

(aus "Babel und Bibel. Arabische Fantasia in zwei Akten" von Karl May)

Karl May ist wieder da. Ein deutscher Erfolgsautor, der deutscheste von allen, Weltauflage 90 Millionen, gestorben 1912 in seiner Villa Shatterhand. Aber er stirbt nicht wirklich, genauso wenig wie Jimi Hendrix, von dem auch ständig neue Platten herauskommen. Seit 1993 wirft der Karl-May-Verlag, Bamberg und Radebeul, in jedem Herbst einen brandneuen Bestseller auf den Markt, vom Meister. Die Startauflage liegt meistens bei 20 000, nach etwa zwei Jahren ist sie verkauft.

Karl May. Es ist die Geschichte einer großen Neurose. Ein junger Lehrer aus Sachsen, der bei Betrügereien erwischt wird, sitzt acht Jahre im Gefängnis und leidet. Danach gründet er ein Weltreich der Phantasie. Ein Held auf allen Kontinenten. Hartnäckig behauptet Karl May, als Kind blind gewesen zu sein. Dann wurde er plötzlich sehend. Mediziner sagen: Das geht nicht, May lügt. Ein Wunder, das Ganze. Besser gesagt: der perfekte Sturm, im Kopf.

Heute denken wir dabei an Adolf Hitler, den anderen deutschen Welteroberer, der ebenfalls aus dem Milieu der Gescheiterten kam und der zeitweise blind gewesen ist, in Hitlers Fall steht es fest. Zwei blinde Seher. Die Phantasie an die Macht, forderten die Surrealisten: Wer sagt eigentlich, dass nicht gerade die Phantasie das schlimmste Schreckensregime errichten kann?

Aber Mays Phantasie ist harmlos. An Karl May begeistern sich jahrzehntelang die deutschen Jungs und ein paar Mädchen, und Ernst Bloch, und der schuftige Carl Zuckmayer - ein Schuft, weil er seine arme Tochter tatsächlich "Winnetou" nannte, Winnetou Zuckmayer. Als ob heute ein Pop-Fan seinen Sohn "Madonna" nennt. Wenn die deutschen Jungs größer werden, lernen sie, dass Mays Texte die Landkarte einer ausgerasteten Seele sind. Deswegen psychologisieren wir deutschen Jungs so gerne. Diese herrlichen Wiederholungszwänge bei Karl May! Immer wieder Anschleichen und Belauschen, immer wieder Gefangenenbefreiung! Die gleichzeitig verdrängte Homo- und Heterosexualität, ein ganz seltenes Phänomen, die blaue Mauritius unter den Verdrängungen! Arno Schmidt hat zutage gefördert, dass Karl Mays Landschaftsbeschreibungen, wenn man sie aufmalt, fast immer das Bild einer nackten Frau ergeben, die mit gespreizten Beinen auf dem Rücken liegt. Jugendliteratur mit pornographischem Subtext - das hat kein anderer Autor der Weltliteratur hinbekommen, nicht mal Shakespeare oder Michael Ende.

Karl May hat fast alle Genres bedient, alles, was sich von Menschenhand schreiben läßt. Und immer reichlich. Dramen, Romane, Essays, Traktate, Gedichte. Komponiert hat er auch. Zweifel an der Universalität seiner Begabung kannte er nicht, oder er unterdrückte auch sie erfolgreich. Als Humorist zum Beispiel ist May gefürchtet, nein, das Komische lag ihm als Genre wenig, obwohl er unsterbliche komische Charaktere erfunden hat, Sam Hawkins zum Beispiel, wenn ich mich nicht irre. Als die Romane ihn reich und berühmt gemacht hatten, produzierte May nebenbei weiter Novellen und Kurzgeschichten für Magazine und Zeitungen. Es floss ständig Text aus ihm heraus, dagegen war nichts zu machen.

Seit 1963 sind die Rechte des Verlages erloschen, das Monopol war futsch, aber es dauerte Jahre, bis sie auf diese naheliegende Idee kamen: den Schatz zu heben. Jetzt graben sie in den Archiven, in den unzähligen Magazinen und Zeitungen, für die er geschrieben hat. Auch im Nachlass findet sich immer noch mancherlei - Briefe, Schnurren, halbvollendete Stücke. Sogar die Winnetou-Trilogie ist vor ein paar Jahren fortgesetzt worden, und zwar nach vorne, zum Beginn, ähnlich wie die Filmsaga "Star Wars": "Old Shatterhand in der Heimat" erzählt, was vor Shatterhands Reise nach Amerika und vor seiner Begegnung mit Häuptling Winnetou passiert, in Deutschland. Der Text war ursprünglich im Manuskript von "Winnetou I" enthalten, er wurde damals vom Lektor weggekürzt, weil er den Stil nicht mochte. Es ist ein humoristischer Text.

Der neue Karl May heißt "Abdahn Effendi". Er enthält Reiseerzählungen, Texte aus dem Spätwerk, eine unbekannte Variante des Dramas "Babel und Bibel", Aufsätze, Briefe, Entwürfe für Dramen. Nicht alles ist wirklich neu, einiges stand schon in früheren Sammelbänden. Die Titelgeschichte: eine Schmuggler-Story, 75 Seiten. "Der Zauberteppich" ist ein orientalisches Märchen, in "Scharnah" geht es um das friedliche Zusammenleben von Christen, Juden und Moslems. Alles ist so symbolbeladen, allegorisch, beschreibungssatt und weitschweifig, so hochmoralisch und gedankentief, wie es sich selbst Carl Zuckmayer in seinen kühnsten Träumen nicht hätte wünschen können.

Es handelt sich um das Werk mit der laufenden Nummer 81. Dummerweise ist Band 82, "In fernen Zonen", bereits vor einem Jahr erschienen. Der Karl-May-Verlag war mit den Zahlen ein wenig durcheinander geraten. Nicht nur bei Tageszeitungen passieren eben manchmal interessante Pannen. Vor allem im Osten Europas werden die neuen Karl-May-Bände hurtig übernommen. Dort haben sie Karl May immer schon gemocht. Das Lizenzgeschäft blüht. Wahrscheinlich sei May unter den deutschen Autoren dieses Herbstes der meistübersetzte, heißt es beim Verlag in Bamberg. Ist May der beliebteste deutsche Autor in, sagen wir, Serbien? Der Verlagssprecher überlegt lange. Dann antwortet er: "Ich möchte mich da nicht festlegen. Ich kenne die Auflagen von Herrn Konsalik nicht."

Was die Politik angeht, ist May christlicher Nationalpazifist gewesen: eine extrem eigenartige Mischung. Mit Mays Büchern ist deshalb kein deutsches Regime restlos glücklich gewesen. Er hielt Friedensreden, war je nach Bedarf seines Publikums katholisch, evangelisch oder ökumenisch, und dem Kaiser hat er einst seinen Henrystutzen angeboten. Mit dem Henrystutzen würde die Armee des Kaisers unbesiegbar sein, und es würde auf der Welt zur Freude Gottes endlich die Pax Germanica herrschen. May behauptete auch, dass in Amerika eine riesige Indianerarmee auf sein Kommando hört, eine fünfte Kolonne, die jederzeit losschlagen kann. Im Arbeitszimmer führt er endlose Gespräche mit seinen Romanfiguren. Durch die geschlossene Tür dringen die Stimmen verschiedener Männer, Lachen, Weinen, obwohl er alleine ist. War das, was er schrieb, erfunden oder selber erlebt? May war sich selbst manchmal nicht mehr ganz sicher. Die Zitate in exotischen Sprachen schrieb er sicherheitshalber aus dem Lexikon ab.

Warum ist er so deutsch? Wegen seiner Mischung aus Humanismus und Gewaltbereitschaft, moralischer Selbstgewissheit und Skrupellosigkeit, Größenwahn und Bildungshunger, Frömmelei und Abenteuer. Karl May deckt unser ganzes Spektrum ab, vom kompromisslosen Gutmenschen bis zum kompromisslosen Welteroberer. Seine Fans sind heute eher erwachsen. Das deutsche Kind liest nicht mehr so flächendeckend Karl May wie früher, wie jeder Vater weiß. Diese Bücher klingen ein bisschen zu moralisch und zu umständlich für ein Kind von heute. Es sind vor allem die Winnetou-Filme, die im Kinder-Milieu Karl Mays Fortleben garantieren. Die Winnetou-Filme kennen sie alle. Jetzt aber wird in Hollywood die erste amerikanische Winnetou-Verfilmung geplant. Nein, er stirbt nicht, niemals. Wir sehen uns bei der Buchmesse. Howgh.

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