Bei aller Polemik: Karl Scheffler hatte tiefe Gefühle für Berlin

Seite 2 von 2
Karl Schefflers "Berlin - ein Stadtschicksal" : Yankees in der Wüste
von
Siegesgöttin Victoria kehrt im April 2014 auf ihre Säule am Mehringplatz zurück.
Siegesgöttin Victoria kehrt im April 2014 auf ihre Säule am Mehringplatz zurück.Foto: picture alliance / dpa

Die Ideen in dieser „Stadt ohne Gedächtnis“ kamen stets von außen. Alle ein, zwei Generationen zogen neue Kolonisatoren ein, verwarfen die vorgefundenen Konzepte und machten sich hemdsärmelig an alternative Projekte. Slawen, Hugenotten, Salzburger Protestanten, Schlesier, Türken, Studenten, Schwaben – die Menschenkette reicht bis in die Gegenwart. Was ästhetisch dabei herauskommt, ist allenfalls „unpersönlicher Eklektizismus“.

Schefflers Beziehung zu Berlin als distanziert zu bezeichnen, wäre untertrieben. Sie ist unrettbar zerrüttet. „Berlin ist eine laute Stadt, aber eine Stadt ohne Heiterkeit“, konstatiert er. Ist es dabei in der Club- und Technohauptstadt, in der autogerecht ausgebauten Metropole mit ihren sechsspurigen Tangenten nicht bis heute geblieben? Wo wäre die Heiterkeit, wo das Unbeschwerte, der Raum für Tagträume?

Unter den Linden kann nicht mit dem Champs-Élysées mithalten

Berlin, bevölkert von „provinzmäßigen Yankees“, fehlt es entschieden an ästhetischem Bewusstsein. Ein Grund dafür ist laut Scheffler der „unfruchtbare Dualismus“ der beiden Schwesterstädte Kölln und Berlin, die bis 1709 getrennte Verwaltungen besaßen. Im Fischerstädtchen Kölln entstand am Ende des Mühlendamms ein Marktplatz mit (Petrus-)Kirche, gegenüber in Berlin wurde der Molkenmarkt mit der Nicolaikirche angelegt. Ein „geräumiger, in schönen Verhältnissen angelegter“ Marktplatz fehlt. Hauptstraßen sind ungeordnet angelegt, dem Stadtplan mangelt es an „musikalischem Glücksgefühl“. Scheffler urteilt gnadenlos: „Man fühlt, dass kein Rhythmus in der Stadt ist.“ Mit der Eleganz der Champs-Élysées kann die angebliche Prachtstraße Unter den Linden nicht mithalten. Dass sie, kurz bevor sie das Schloss berührt, einen Knick macht, offenbart die Fehlplanung.

So geht die Suada weiter, die wohl deshalb so leidenschaftlich formuliert ist, weil der Autor in Wirklichkeit tiefe Gefühle für seine Stadt empfindet. Die Spree ist ein Fremdkörper geblieben, bloß ein Wasserlauf, weil Berlin seinen Flüssen anders als Wien, Frankfurt am Main oder Hamburg „keine Zärtlichkeit entgegenbringt“. Schon im Mittelalter reichte es bloß zu „Regierungsbaumeister-Gotik“. Es gibt keine Esskultur, nur ein paar Cafés. Schinkel war ein „feiner Epigonaler“, Fontane ein „Plauderer“ und Menzel stieg als „Opfer des Großstadt-Berlinertums“ ab zum „Uniformmaler“.

Herausgeber Florian Illies nennt Scheffler in seinem Vorwort einen „Selbstdenker“, der als Flaneur diese Stadt durchwandert hat, an den Magistralen entlanggegangen ist und an ihrer Formlosigkeit verzweifelte. Schefflers Fazit: „Man kann jedes Verhältnis zu Berlin gewinnen, nur lieben kann man diese Stadt nicht.“ Noch immer nicht?
Karl Scheffler: Berlin – ein Stadtschicksal. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Florian Illies, Suhrkamp, Berlin 2015. 222 S., 21,95 €.

Artikel auf einer Seite lesen

3 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben