Karl Schmidt-Rottluff im Brücke-Museum : Biographie in Bildern

Vom unsicheren jungen Mann zum gehärteten Künstler: Das Berliner Brücke-Museum zeigt, wie sich der Lebensweg von Karl Schmidt-Rottluff in seinen eigenen Bildern spiegelt.

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„Blaue Frau“ von Karl Schmidt-Rottluff entstand 1923.
„Blaue Frau“ von Karl Schmidt-Rottluff entstand 1923.Foto: Brücke-Museum/VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Die oszillierenden Pinselstriche stehen noch unter dem Einfluss von Vincent van Gogh. Die auseinanderdriftenden Farben aber behaupten schon den Anspruch der Brücke-Künstler, Gefühle direkt nach außen zu kehren. Bebendes Rot, abgeklärtes Gelb, energisches Grün widersprechen sich lebhaft vor wasserblauem Hintergrund. Im ersten Selbstbildnis von Karl Schmidt-Rottluff, 1906 während des Besuchs bei Emil Nolde auf Alsen entstanden, spiegeln sich Ehrgeiz und Zweifel des jungen Künstlers. Er schenkt das Bild seinem Gastgeber Emil Nolde zum Abschied. Dieser revanchiert sich mit einem Porträt von Schmidt-Rottluff, das einen ganz anderen Blick auf die Persönlichkeit ermöglicht. Selbstsicher hält der dynamische Maler vor flirrender Sommerlandschaft seine Zigarre in der Hand. Die Gesichtszüge sind zielstrebig geschärft. Schmidt-Rottluff hatte Emil Nolde gerade als Mitglied der Brücke angeworben. Dieser ist sichtbar beeindruckt vom optimistischen Elan des künstlerischen Aufbruchs.

Die Ausstellung „Karl Schmidt-Rottluff. Bild und Selbstbild“ erzählt von Begegnungen und Beziehungen des Brücke-Künstlers. Vielleicht ist sie so persönlich geraten, weil die Idee ursprünglich aus einer engen Freundschaft entstand. Am Kunstkabinett in Frankfurt am Main kuratierte Schmidt-Rottluffs langjährige Förderin Hanna Bekker vom Rath 1974 eine ähnliche Ausstellung. Als sich im Archiv das Begleitheft fand, belebte das Museum den Grundgedanken neu. Jetzt gastiert die Schau im Berliner Brücke-Museum, dessen Gründung auf eine Schenkung der Karl und Emy Schmidt-Rottluff-Stiftung zurückgeht.

Vor allem die Darstellungen der Frauen fallen auf

Natürlich sind auch Porträts der Brücke-Kollegen zu sehen sowie Bilder von blitzgescheiten Kritikern und Literaten aus dem Umfeld der Künstlergruppe. Besonders aber fallen die Darstellungen der Frauen auf, die Karl Schmidt-Rottluff zeit seines Lebens unterstützten. Die Hamburger Kunsthistorikerin Rosa Schapire malt er 1911 als extravagante Dame mit ausladendem Hut. Rosa Schapire war bereits seit 1907 passives Mitglied der Brücke, sie setzte die erste Einzelausstellung des Künstlers durch und prognostizierte ihm in der Eröffnungsrede eine große Zukunft. Später sammelte sie nicht nur seine Kunst, sondern beauftragte ihn auch mit der Ausstattung ihrer Wohnung. Der Künstler entwarf Möbel, Kleider, sogar Schmuck für Rosa Schapire. Der ganze Wagemut der eigenwilligen Mäzenin drückt sich in den Farben aus. Das tiefrote Gesicht ist auf die grüne Hand gestützt, das Gemälde verbindet Temperament und Nachdenklichkeit.

Noch imposanter wirkt das Porträt der Mutter. Der sparsame Holzschnitt reduziert sie auf klare, karge Linien. Neben dem Blatt ist auch der geschwärzte Druckstock aus Holz zu sehen. Der Künstler hat den Umriss des Kopfes ausgeschnitten. Jetzt gleicht das Relief einer archaischen Ahnentafel aus einem animistischen Schrein. Das Bild, eine Besinnung auf die Wurzeln, entstand 1916 unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs. Der Maler wurde zum Militärdienst in Litauen eingezogen, erst später wird er in die Pressestelle des Buchprüfungsamtes versetzt. In der Zensurbehörde gibt es weder Ölfarben noch Leinwand, aber er findet Papier, Druckerschwärze und Holz für seine Arbeit. Wie sehr ihn die Erlebnisse an der Front verändert haben, lässt sich aus einem Selbstporträt ablesen, ebenfalls ein Holzschnitt. Ein Psychogramm, in dem alle Nervenfasern bloßliegen.

Nach dem Ersten Weltkrieg scheint er sich fremd, das Gesicht zur Maske erstarrt

Nach dem Ersten Weltkrieg heiratet Schmidt-Rottluff seine langjährige Freundin Emy Frisch, eine einstige Nachbarin von Ernst-Ludwig Kirchner. Emy wird sein Anker, seine Managerin, manchmal auch sein Spiegelbild. Er selbst scheint sich nach dem Krieg fremd, das Gesicht zur Maske erstarrt. Emy bleibt ihm vertraut, er malt sie lesend oder mit Freundin, stets umhüllt vom blauen Schatten ihrer Träume. Im Spätwerk, als er schon nicht mehr in Öl malen kann, produziert Schmidt-Rottluff ganze Aquarell-Serien von sich und Emy. Fotos zeigen, wie sich die beiden im Alter ähneln. Die tagebuchartigen Stimmungsprotokolle einer Ehe wirken manchmal etwas illustrativ. Spannend aber ist die Idee, in der Wiederholung die Quintessenz der Beziehung herauszuarbeiten.

Zwischen den Kriegen tritt eine weitere Mäzenin auf den Plan, Hanna Bekker vom Rath. Nachdem Rosa Schapire vor den Nationalsozialisten nach London fliehen musste, wird sie die wichtigste Unterstützerin von Schmidt-Rottluff. Hanna Bekker vom Rath ist selbst Malerin, stammt aus einer begüterten Frankfurter Familie, kauft Kunst und arbeitet später als Galeristin. Als Schmidt-Rottluff von den Nazis verfemt wird und Malverbot erhält, bietet sie ihm ein Atelier in ihrem Blauen Haus im Taunus. In der Berliner Wohnung in der Regensburger Straße organisiert sie bis 1943 heimliche Ausstellungen für die verbotenen Künstler und hilft, Bilder in Sicherheit zu bringen. Der Schaden ist dennoch immens. Die Nazis konfiszieren 600 Werke von Karl Schmidt-Rottluff. Im Krieg wird sein Berliner Atelier ausgebombt.

Sieben Jahre nach dem Krieg, 1952, huldigt er dem Mut, der Tatkraft und Klarheit von Hanna Bekker vom Rath in einem Porträt. Der sprühende Blick, die straffe Körperhaltung vermitteln den Eindruck einer natürlichen Autorität. In den Selbstbildnissen wandelt sich jetzt sein Charakter. Schmidt-Rottluff malt sich mit ausgeprägten Konturen, geradlinig, statisch, in sich ruhend, der Arbeitsplatz geordnet. Besucher können in der Ausstellung in kurzer Zeit den weiten Weg abschreiten vom unsicheren jungen Mann bis zum gehärteten Künstler. Weil Karl Schmidt-Rottluff selbst sein Leben in Bildern erzählt, entsteht eine vertraute Nähe.

„Karl Schmidt-Rottluff. Bild und Selbstbild“ – bis 26.Juni im Brücke-Museum Berlin, Bussardsteig 9, geöffnet täglich außer Dienstag von 11 bis 17 Uhr.

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