Kultur : "Karnaval": Masken der Liebe

Veronika Rall

Groteske Masken, obszöne Lieder, enthemmte Menschen - der Karneval polarisiert, spaltet das Land in seine Anhänger und Verächter. In "Karnaval" bedient sich der Spielfilmdebütant Thomas Vincent eines Tricks, denn er schickt einen scheinbar Gleichgültigen ins Getümmel: Der aus Algerien stammende Larbi hat eigentlich andere Probleme, gerade hat er sich mit seinem strengen Vater gestritten und will weg, nach Marseille, wo die Sonne scheint. Doch dann lernt er Bea kennen, er bleibt für einen Tag und eine Nacht, wird zum Küssen und Trinken genötigt und zum Prügeln. Eine Tortur.

Was Vincents Film sehenswert macht, ist der nahe und zugleich fremde Blick auf ein kulturelles Phänomen. Seine Aufnahmen sind semidokumentarisch, er hat sich mit einem verkleideten Team mitten ins Treiben gestürzt. So entstanden Aufnahmen aus dem Innenleben der Narrenwelt, die Kamera in Augenhöhe und selten mehr als einen Meter von Gesichtern entfernt. Zeit, sie zu betrachten, bleibt trotzdem nicht, schnell geht es weiter, die Menge schiebt und drängelt, tanzt, singt und säuft. Die kurzen Sequenzen, die Vincent seinen Hauptdarstellern abseits vom Treiben gönnt (eindrücklich: Amar Ben Abdallah als Lardi und eine faszinierend präsente Sylvie Testud als Bea), gehören zu den schönsten und plausibelsten des Films: wie ein sanftes Auftragen des Lippenstifts verführt, wie Bea und Lardi sich lieben, wie sie schnell wieder fliehen.

So richtig passen die Sujets allerdings nicht zusammen: das Karnevalstreiben einerseits, in dem jeder eine Maske trägt und deshalb den Teufel herauslässt, und die zarte Liebesgeschichte andererseits, in der zwei Menschen versuchen, ihre Fremdheit zu überbrücken. Weder hat die Obszönität der Narren etwas mit dem Eros der Liebenden zu schaffen, noch vermittelt sich die kulturelle "Maske" des dunkelhäutigen Fremden mit den grellen Kostümierungen der Einheimischen. Man spürt den Reiz, den die Kulisse auf den Filmemacher ausübte, man spürt den Reiz der Geschichte, doch der Anspruch bleibt theoretisch. Wenn sich die Leinwand zum Schluß gar in ein homogenes, künstliches Flammenmeer verwandelt, dann sieht man die Notlösung, unter der ein letzter Rest von Disparatheit, Dissonanz und Fremdheit schwindet.

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