Kultur : Karneval der Hochkulturen

Marc Minkowski entführt Mozarts „Entführung“ bei den Herbert-von-Karajan-Pfingstfestspielen in Baden-Baden

Jörg Königsdorf

Frage: Was ist klein, schwarz, nichts wert und macht trotzdem glücklich? Antwort: eine Null. Eben diese Ziffer steht am Ende der Bilanz, mit der das Baden-Badener Festspielhaus das Geschäftsjahr 2002 abschließt, und hat dazu geführt, dass Intendant Andreas Mölich-Zebhauser zum meistbeneideten Klassik-Manager der Republik geworden ist.

Vor fünf Jahren, im Sommer 1998, hatte Mölich-Zebhauser den kurz zuvor eröffneten und bereits konkursreifen Klassiktempel übernommen, ihn schnell aus den Schlagzeilen hinaus und schließlich sogar in die Gewinnzone hinein gebracht. Die schwarze Null markiert dabei zugleich den Beginn einer Festspielhaus-Ära in rein privater Trägerschaft ohne einen Pfennig öffentliche Subventionen. Das Erfolgsgeheimnis? Baden-Baden bietet ein Programm, das lokale Hochkultur-Bedürfnisse ebenso befriedigt wie den Starhunger des internationalen Festival-Publikums. Das hatte Andreas Mölich-Zebhauser schnell erkannt: Um die 2400 Plätze von Deutschlands größtem Opern- und Konzertsaal das ganze Jahr über füllen zu können, muss die Bäckersfrau aus Bietigheim-Bissingen ebenso angelockt werden wie die Millionärsgattin aus Davos.

Das hält den Spielraum für Experimente freilich vorerst in engen Grenzen: Damit der Baden-Badener Laden voll wird, sind vor allem die großen Klassiker angesagt. Was bei den Herbert-von-KarajanPfingstfestspielen, dem Höhepunkt des jährlichen Festspielhaus-Kalenders, vor allem Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven bedeutet: Zwischen der „Missa solemnis“ des Eröffnungskonzerts und der „Eroica“ bei der Pfingstmatinee sollte dieses Mal Mozarts „Entführung aus dem Serail“ den festlichen Opernglanz bieten.

Für den Glamourfaktor sorgt dabei weniger die Besetzungsliste als der Koproduzent: Die Baden-Badener „Entführung“ wird Anfang Juli auch beim Nobel-Festival im französischen Aix-en-Provence präsentiert – einem der sichersten Garanten für musikalische wie szenische Top-Qualität.

Das provenzalische Opernfestival hat vermutlich auch die für die Auswahl der Sänger, des Dirigenten Marc Minkowski und des Regieduos Jerome Deschamps und Macha Makeieff gesorgt. Denn von jener humanistischen Tiefgründelei, die man hier zu Lande oft wie selbstverständlich an Mozarts Bühnenwerken vollzieht, findet sich in dieser erzfranzösischen Mozart-Interpretation ebenso wenig wie vom traditionellen deutschen Kapellmeistertum mit seinem zwischen zackig und gemütlich pendelnden Mozartton.

Bei einem Marc Minkowski am Dirigentenpult des fabelhaften Mahler Chamber Orchestra hätte das freilich auch keiner vermutet. Der französische Meister der Alten Musik nimmt sich nach seinen Erfolgen auf dem Terrain der romantischen Sinfonik nun die Wiener Klassik vor und wendet auch hier eine Überrumpelungstaktik an. Schon die Ouvertüre der Oper hat nichts mehr vom bekannten, lustigen Türkenklingeling. Grimmig, ja brutal lässt Minkowski das von Mozart vorgeschriebene Militärinstrumentarium dreinfahren, als gälte es, die zarten Seufzer der ersten Belmonte-Arie gründlich niederzuknüppeln. Marc Minkowski macht Ernst, und er macht Druck – seine „Entführung aus dem Serail“ pendelt beständig zwischen den Extremen, zwischen Aggression und Zärtlichkeit. Dabei gewinnt er die Emotionen aus der klaren Tiefenstaffelung der Orchestergruppen, und so stoßen die beiden Überlebensprinzipien nicht allein in der Handlung, sondern auch in Mozarts Musik frontal aufeinander.

Dass Minkowski so kompromisslos für die Gültigkeit und den Gehalt der Musik plädiert, ist in diesem Fall allerdings besonders notwendig. Denn von dem, was man da staunenden Ohrs hört, lösen die beiden französischen Theatermacher Jerome Deschamps und Macha Makeieff auf der Bühne so gut wie nichts ein. Erfahrung mit Oper haben die beiden kaum, und ein Ohr für Mozart (und Minkowski) offenbar auch nicht. Natürlich sieht die Bühne, wie immer in Frankreich, schön aus: Der mallorquinische Maler und Bühnenbildner Miquel Barceló hat eine Menge Stoffbahnen mit hübschen Aquarellen für den Bühnenhintergrund bemalt. Eine kunterbunte muselmanische Pantomimentruppe sorgt für allerlei Klamauk (Deschamps ist, so verrät das Programmheft, der Neffe von Jacques Tati!), und der Bassa Selim darf – gelobt sei Multikulti! – nicht nur seinen deutschen Text radebrechen, sondern auch persische Gedichte in Originalsprache rezitieren sowie im derwischelnden Geschwindtanz über die Bühne kreiseln. Schön bunt ist das alles – und macht doch keinen Sinn. Was weniger an allerhand peinlichen handwerklichen Ungeschicklichkeiten liegt als vielmehr daran, dass die Menschen in diesem Karneval der Hochkulturen nur flache Abziehbilder ihrer Rollen bleiben.

Je mehr Mozart, je mehr die Musik von Angst, Hoffnung, Verzweiflung spricht, desto weniger fällt Deschamps und Makeieff ein. Dass die Sänger nicht gegen diese Konzeptionslosigkeit anspielen können, mag man ihnen nicht vorwerfen. Dass sie mit ihren artigen, aber nicht außergewöhnlichen Stimmen in der Weite des Festspielhauses nur wenig Profil gewinnen können, auch nicht. Man wird sie sicher bald anderswo hören, zumindest Madeline Benders jugendlich inbrünstige Konstanze und Matthias Klinks kultivierten Belmonte. Und die Produktion selbst lässt sich sicher für ein schönes Kinderstück recyclen.

Die Herbert-von-Karajan-Pfingstfestspiele Baden-Baden dauern noch bis zum 15.Juni. Informationen unter www.festspielhaus.de

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