Karneval der Tiere : Pariser Luft

Otto Sander, Marek Janowski und das RSB feiern in der Philharmonie einen "Karneval der Tiere“. Das mitgerissene Publikum zerklatscht die "zoologische Fantasie" am Ende in bester Waldbühnen-Manier.

Frederik Hanssen

Ein tierisches Gedankenspiel: Was für Artgenossen wären die Berliner Chefdirigenten wohl in freier Wildbahn? Daniel Barenboim selbstverständlich ein Stier von Zeus’scher Grandezza, Simon Rattle ein Gibbon, Ingo Metzmacher der wendige Ozelot, Carl St. Clair das texanische Wildpferd mit streichelweicher Mähne. Und Marek Janowski? Ein Marabu! Die Idee stammt von Loriot: In dessen 1975 geschriebenem Text zu Camille Saint-Saëns „Karneval der Tiere“ lässt er den Maestro als Kropfstorch mit spitzhackenförmigem Schnabel auftreten, als ebenso skurriles wie weises Federvieh, das im Arabischen „Einsiedler“ heißt, Marabu eben.

Wüsste man es nicht besser, man könnte meinen, der Humorist habe weiland den Marek Janowski von heute vor Augen gehabt, als seine Wahl auf dieses Tier fiel. Wenn der gestrenge Kapellmeister, der in der Öffentlichkeit niemals lacht, am 23. Dezember Saint-Saëns „zoologische Fantasie“ mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester aufführt, beweist er damit nicht nur Sinn fürs Komische, sondern zeigt auch, dass man die Feste keinesfalls so feiern muss, wie sie fallen. Kontrapunktisch klug bietet Janowski im zweiten Konzertteil Dvoráks fast zeitgleich entstandene Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ an, als pathetisch-patriotisches Gegenstück zu Saint-Saëns’ Ironie. Ein Werk wie „Der Karneval der Tiere“, das vor musikalischen Zweideutigkeiten und Anspielungen funkelt, konnte eben nur im Paris des späten 19. Jahrhunderts entstehen, als die französische Metropole der Mittelpunkt der geistigen Welt war.

Otto Sander rezitiert die Zwischentexte unter massiver hustender Anteilnahme des Philharmonie-Publikums, und er tut es großartig, lässt sich nichts von Loriots lakonischer Raffinesse entgehen, hebt exotische Wörter wie „Affenbrotbaum“ gewitzt hervor, auf dass sie so sonderlich klingen, wie sie sind, und verleiht dem Ganzen durch sein knarziges Timbre eine besondere Note. Nikolai Lugansky und Vadim Rudenko sitzen an den beiden Flügeln, wirken zunächst recht phlegmatisch, liefern mit haarscharf asynchronen Tonleitern in der „Pianisten“-Episode dann aber ein Kabinettstückchen ab. Janowski seinerseits hat spürbar Freude an der Chose, setzt mit feinen Zuspitzungen sogar eigene Pointen. Beim großzügig da capo gegebenen Finale allerdings wird er übermütig, gibt das Signal zum Mitklatschen – und löst damit im Saal ein Chaos aus. Die klassikaffinen Massen der Hauptstadt beherrschen, dank jahrzehntelanger Übung in der Waldbühne, eben nur ein einziges Stück rhythmisch wirklich sicher: die „Berliner Luft“.

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