Kultur : Karneval im Seesack

„Nebbich“: Adolf Endler ordnet Autobiografisches

Michael Braun

In der Kunst der literarischen Regelverletzung ist er unerreicht. Wohin aber mit der Abweichungswut, wenn die Norm zerfallen ist? Adolf Endler, der beharrlichste literarische Unruhestifter im deutschen Osten, zieht es weiter vor, seine Werke zu fragmentarisieren und karnevaleskes Chaos in die Ordnung zu schmuggeln. Zu seinen ältesten Evergreens gehört die Ankündigung, in einer nicht näher bestimmten Zukunft den monumentalen Roman „Nebbich“ als „komplexes Gesellschaftsgemälde“ in acht oder 13 Bänden vorzulegen. Der Titel seines neuen Buches lässt nun den Verdacht aufkommen, der Eulenspiegel vom Prenzlauer Berg habe sich in einem Moment der Schwäche selbst überlistet. Denn dieser Titel schielt nach Vollendung: „Nebbich. Eine deutsche Karriere“.

Endler ist es aber erneut gelungen, dem geschlossenen Roman auszuweichen. Für „Nebbich“ hat er wieder in seinem Seesack gekramt. Was hier an skurrilen Tagebuchnotaten, zeitkritischen Glossen, witzigen Capriccios und essayistischen Porträts kompiliert wird, schreibt die heiter-sarkastische Ethnografie der kollabierenden DDR fort, die der Autor vor zwanzig Jahren mit den Bänden „Ohne Nennung von Gründen“ und „Schichtenflotz“ begonnen hatte.

Als zählebiger Endler-Kumpan taucht einmal mehr der „Nebbich“-Protagonist Bubi Blazezak als Bobbi Bergermann auf, der im Werk des Autors seit 1978/79 seine Kreise zieht. Als trinkfreudiger Vagabund durchstreift Bubi die Kaschemmen in Prenzlauer Berg, Berlin-Mitte oder Friedrichshain, um allerlei lästerliche Reden zu halten. Seinen Erkundungen hat Endler einige knappe Tagebuchblätter und Erinnerungen aus seiner Kinderzeit in Düsseldorf vorangestellt. Mit einer absurden Anklage wegen „Staatsgefährdung“ im Nacken hatte der glühende Jungkommunist Endler 1955 seine rheinische Heimat verlassen und war in jenes „bessere Land“ im Osten gegangen, das ihn bald zu zähmen versuchte.

Von den Geschichten aus den frühen Fünfzigern schwenkt Endler rasch zu den Urszenen seiner literarischen Biografie. Eine Begegnung mit Peter Huchel firmiert als heilsamer Schock: Die Vokabel „dadurch“, die der Jungkommunist in einem Zeitungsartikel verwendet hatte, wird von Huchel als „das purste Feuerwehrdeutsch“ gerügt – hier beginnt Endlers Weg in die Pathos-Sabotage.

In der anrührendsten Schnurre erzählt Endler im Märchenton von seiner dichterischen Berufung im mecklenburgischen Plau an einem nebelverhangenen Herbsttag des Jahres 1959. Vor dem Schaufenster einer Buchhandlung vernimmt der von Trunksucht bedrohte Jungautor im Nebel eine „Stimme von Sapphoscher Zauberkraft“, die ihm das Wörtchen „Nebbich“ zuflüstert. Der Spuk zerfällt rasch, aber die Lust auf „Nebbich“ – ein aus dem Jiddischen entlehntes Wort, das „armes Ding“ oder auch „Tölpel“ bedeutet – bleibt. Und so arbeitet sich noch der Endler des Jahres 2005 an seinem „Nebbich“ ab. Wobei das Vergnügen ein wenig trübt, dass fünf Stücke mit zusammen rund fünfzig Seiten bereits in den „satirischen Collagen und Capriccios“ stehen, die Endler 1995 unter dem Titel „Die Exzesse Bubi Blazezaks im Fokus des Kalten Krieges“ vorlegte.

Adolf Endler: Nebbich. Eine deutsche Karriere. Wallstein Verlag, Göttingen 2005. 295 Seiten, 24 €.

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