Kultur : Karstadt-Umbau: Bauchbinden im Angebot

Jan Gympel

In den letzten 25 Jahren bot die lange Zeit größte Berliner Filiale des größten europäischen Warenhauskonzerns ein konfuses Außenbild: Bei Karstadt am Hermannplatz waren Bauteile aus vier verschiedenen Jahrzehnten übereinandergestapelt worden, zusammengehalten von einer "Bauchbinde" aus graubraunen Waschbetonplatten Dieses Chaos schmerzte um so mehr, als der Vorgängerbau Teil einer Gesamtkonzeption war, die in den euphorischen 20er Jahren auch den Hermannplatz zu einem Kristallisationspunkt weltstädtischen Lebens machen wollte.

Mit jenem wahrhaften Warenhauspalast, der nach den Plänen von Karstadts Hausarchitekten Phillip Schaefer 1928 - 29 entstand, gelang dies auch: Der Platz erhielt auf der freigeräumten Westseite einen sechsstöckigen Klotz, dessen Höhenstreben nicht nur von der strengen Fassadengliederung unterstrichen wurde, sondern auch von zwei aufgesetzten Türmen, die noch einmal vier Geschosse zählten und bekrönt wurden von 15 Meter hohen Lichtsäulen.

Doch angesichts der hereinbrechenden Weltwirtschaftskrise erwies sich das im Sommer 1929 eröffnete Haus als Fehlkalkulation und trug dazu bei, den Karstadt-Konzern an den Rand des Ruins zu treiben. Kurz vor Kriegsende wurde die Konsumkathedrale nahezu vollständig zerstört, wobei ungeklärt ist, ob es sich um eine Sprengung durch die SS handelte oder ob der Eisenbetonbau in den Endkämpfen Feuer fing. Der Neuanfang war zeittypisch bescheiden: An die drei einzigen erhaltenen Achsen des Altbaus wurde 1950 / 51 ein viergeschossiges Gebäude angefügt, mit schwach am Vorgänger orientierter Fassadengliederung, wiederum Muschelkalkverkleidung, aber als hier neuem Element einem auskragenden, vollverglasten ersten Stockwerk. Freilich nahm dieser Neubau nur einen Bruchteil des Gesamtgeländes ein. Die Ausdehnung des ersten Obergeschosses bis an die nördliche Grundstückskante folgte 1976, wobei die eingangs erwähnte "Bauchbinde" ebenso entstand wie das aufgesetzte Parkdeck, in Sichtbeton. Als sei dies alles noch nicht arg genug, sprang die neue Fassade in der Urbanstraße auch noch sägezahnartig vor und zurück.

Ein städtebaulicher Schandfleck. Schon 1986 wurde ein Wettbewerb zu seiner Beseitigung veranstaltet, den das Büro Haus-Rucker-Co gewann, dessen Entwurf die Konzernleitung aber nicht realisieren wollte. Eine zweite, mit der Senatsbauverwaltung durchgeführte Konkurrenz entschied dann Jürgen Sawade für sich mit einem überzeugenden Entwurf: Der älteste Nachkriegsbauteil an der Hasenheide sollte ein Pendant an der Urbanstraße erhalten. Die Waschbetonbauchbinde wollte man durch Vollverglasung des ersten Obergeschosses ersetzen, die beiden Bauteile an den Ecken in der Mitte durch eine Spiegelfassade im zweiten und dritten Stock verbinden.

Doch kurz bevor mit dem Umbau begonnen werden sollte, fiel die Mauer. Nachdem der Käuferansturm aus dem Osten abgeebbt war, fusionierte Karstadt mit Hertie und gelangte damit auch in den Besitz des "Flaggschiffs" KaDeWe. Dann engagierte sich der Konzern vor allem in den neuen Ländern, außerdem war inzwischen Denkmalschutz für die ältesten Bauteile verfügt worden. Was jetzt in zweieinhalbjähriger Bauzeit unter der Ägide des Büros von Helmut Kriegbaum und (seit 1996) Udo Landgraf entstanden ist, ist eine leider abgeschwächte Variante des Sawade-Entwurfs: Hatte dieser den Eckbau an der Urbanstraße mit einer Alu-Glas-Vorhangfassade klar als neu kennzeichnen wollen, so wünschte der Vorstand auch hier eine Muschelkalkverkleidung. Der geplante große "Karstadt"-Schriftzug vor dem verspiegelten Mittelabschnitt, eine Reminiszenz an die Riesenbuchstaben von Erich Mendelsohns legendärem Kaufhaus Schocken in Stuttgart, wich dezenten kleinen Lettern an den Ecken des Fensterbandes.

Auch im völlig neu gestylten Inneren finden sich Halbherzigkeiten: Besaß der Vorgängerbau, dessen riesiges Modell nun im Parterre an prominentem Ort Aufstellung gefunden hat, drei Lichthöfe, so konnte man sich jetzt nicht mal mehr zu einem durchringen. Nur die Öffnung für die Rolltreppen ist mit einem Glasdach gedeckt worden. Bei der Tiefe des Gebäudes kann dies jedoch ebensowenig in nennenswertem Maße Tageslicht ins Haus leiten wie die Verglasung des ersten Obergeschosses. Auch den Übergang zur U-Bahn, alten Ansichten zufolge einst eine elegante Halle, hat man nur leergeräumt und von einer Zwischendecke befreit, am Plafond des kargen Raumes ziehen sich nackte dicke Rohre entlang. Einzig der "Ersatz" des einst 4000 Quadratmeter großen Dachgartens durch eine umlaufende Terrasse ist, mit Blick auf das mitteleuropäische Klima, wohl richtig. Dank gesonderter Zugänge sollen in der Dachhalle kulturelle Veranstaltungen möglich sein.

Um - à la Adlon - eine Berliner Legende wiederzubeleben, ist man am Hermannplatz zu kurz gesprungen. Verglichen mit dem vom Vorgängerbau demonstrierten Machtanspruch, der Höhe und den Türmen, der nächtlichen Lichtarchitektur und dem Interieur mit Marmor, Tropenholz und Alabaster, nimmt sich das jetzige Haus bescheiden aus. Immerhin hat man endlich eine für den Konzern wie für den Hermannplatz peinliche Situation annehmbar bereinigt.

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