Kultur : "Kaspar Konzert": Salto postmortale

Ulrich Amling

Ein irritierender Titel: "Kaspar Konzert". Gibt da zum Auftakt des Tanz-Winters Kaspar Hauser, der Findling, traktierte Schüler und hingemordete Adlige einen rächenden Show-Auftritt? Wird der Sprachlose donnern, dass uns Hören und Sehen vergeht? "Rock me, Kaspar" im Hebbel-Theater? Francois Verret, dem die ewige Außenseiterrolle in der französischen Choreographie zugeschrieben wird, wäre ein solcher Kraftakt durchaus zuzutrauen. Geheimnis, Wahnsinn und Nacht sieht er als Nahrung seiner Kunst, das Drängen über Genregrenzen hinaus als Verpflichtung. Verrets Kaspar ist ein Kind des Zirkus, keine Kerker-Kreatur. Mit Mathurin Bolze schickt er einen Artisten auf die Bühne, der trotzig-rhythmisch Kopf und Fuß gegen eisernes Gerümpel schlägt. Zu einem befreienden Stepptanz auf der Metallplatte kommt es nicht, da zwei Gestalten sich als Erzieher aufspielen wollen. Der eine (Jean-Pierre Drouet) trommelt fortwährend auf einem Holztisch - und soll wohl den musischen Drill verkörpern -, der andere (Verret selbst) ist ein Mann von steifer Haltung und hölzerner Rezitation.

Genaue Kraftverhältnisse und Beziehungsgeflechte bleiben 55 Minuten lang im Nebulösen, wie auch der tiefere Sinn der Bühnenmaschinerie, die Verret als Mühle Gesellschaft verstanden wissen will. Aufgerieben fühlt sich hier nur der Zuschauer, betäubt von der Willkür des lärmenden Treibens, das sich als akustisches Drama aufspielt, dessen Pegelstände aber auf keinen Fluss des Geschehens verweisen. Humorlose Kasparei, konzertierten Aktionismus kann man das nennen, nicht aber Konzert. Und an der tänzerisch mageren Ausbeute können auch Bolzes einsame Salti nichts ändern. Das Schlusswort hat darum ein Experte der Artisten-Metaphysik: "Je abstrakter die Wahrheit, die du lehren willst, um so mehr mußt du die Sinne zu ihr verführen." Also sprach Nietzsche. Hoffen wir auf ein Herz im Tanz-Winter.

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