Kultur : Kasperletheater

MaerzMusik von und mit Reimann und von Borries

Christiane Tewinkel

Weil auch bei bestem Willen nicht zusammenwachsen kann, was nicht zusammengehört, sollte man es gleich aufgeben, Aribert Reimann und Christian von Borries miteinander zu verknüpfen. Sicher, Konzerte für, von und mit beiden fanden im Rahmen der Berliner MaerzMusik statt. Aber eine solide Geburtstagsmusik und ein Abend mit Kasperletheater für Erwachsene, das sind eben doch zwei verschiedene Paar Schuhe.

Am Montag trat der eben siebzig Jahre alt gewordene Komponist Aribert Reimann vor den Konzertsaal der Universität der Künste an der Bundesallee. Von Anfang an ein Heimspiel: Wilhelm Matejka moderiert, Enno Poppe dirigiert ein gut aufgelegtes ensemble mosaik. Es gibt Werke von Reimann, das eilfertige Gerede der „Reflexionen für 7 Instrumente“ von 1966 oder das „Solo für Viola“ von 1996, als Geburtstagsständchen für Paul Sacher vorgesehen und daher Variationen über „es, a, c, h, e“ ausbreitend, später Liedartiges auf Schiller und Hölderlin. Dazwischen klingt Musik der nächstjüngeren Generation, Clemens Nachtmanns „en dehors“, das Katia Guedes mit fabelhaftem, instrumental gelenkigem Sopran hören lässt; Isabel Mundrys strudelnde „Sandschleifen“; Enno Poppes Auskomposition einer ewigen Wellenbewegung, „Salz“, das wohl lustigste, lebendigste Stück des Abends. Über dem gemächlichen Schnauben einer Hammondorgel verdichten sich die Klangsprengsel, immer schneller, immer mehr, bis das Ganze am Ende fiept, knallt und explodiert.

Ganz anders der folgende Abend im Haus der Berliner Festspiele. Der Fahnenmajor der Klassik-Parallelwelt Christian von Borries tritt an, das musikalische Besitzstandsdenken anzuprangern. „Ein Komponist stiehlt immer. Die Akkorde waren alle schon da“, hat er eben zu Protokoll gegeben. „Soundalike“ heißt also dieser Abend, wie die zugehörige Software, die aus Live-Musik ein großes Rauschen macht.

Gehorsam sitzt das Brandenburgische Staatsorchester da, lässt sich von Borries’ immergleiche Viervierteltaktschläge gefallen und arbeitet sich durch Peter Ablingers „Orchester und Rauschen 1-6“, mit sisyphosmäßigem Gleichmut gegen die eingespielte Klangwand. Bei den nachfolgenden Uraufführungen, den von Michael Iber und Christian von Borries erstellten Innenteilen dieser sonderbaren Suite zum Thema „Soundalike als marktpolitische Strategie“, passiert weiterhin fast nichts. Beziehungsweise weniger als das, nämlich Unsinn, kein Musik-, sondern bloß Zeitdiebstahl, ein nervötendes Orchestergebrabbel, ein Töne- und Phrasenschubsen von hier nach da und zurück. Vielleicht auch im Kreis. So genau kann man das nicht hören. Bald eilen die drei Laptop-Schamanen der Pop-Band Der Plan mit Versatzstücken aus Orff oder Bach herbei, wozu psychedelische Bilder laufen. Und ganz am Ende, nach allerlei Filmchen und Maskenspielen, bald nach dem herzig-dämlichen Soundalike des dämlich-herzigen „Schnappi“-Lieds, tritt der Berliner Kinderchor an, Unschuldsstimme, Unschuldsblick. Aber Kritik an der Versklavung durch das Copyright, klar. Ein bunter Abend mit reger Publikumsflucht.

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