Kultur : Kasus Verschwindibus

Steffen Richter

über große Anfänge und aussterbende Endungen In Schanghai wächst die Wirtschaft jährlich um 12 Prozent (zwölf!), und 186 Häuser mit einer Höhe von über 100 Metern zieren die Skyline. Doch nun, die Weltausstellung 2010 vor Augen, will die chinesische Boomtown sich auch ums kulturelle Niveau kümmern.

Unter dem Motto „Wie werde ich ein liebenswerter Bürger von Schanghai?“ hat die Stadt eine Anmuts-Kampagne gestartet. Für ihre Einwohner heißt das: Lauft nicht bei Rot über die Straße! Schmeißt keinen Müll in den Park! Seid nett zu euren Gästen! Doch wie ist es ums Niveau der chinesischen Literatur made in Schanghai bestellt? Das kann man sich am Mittwoch von der Lyrikerin und Erzählerin Ding Liying und dem Romancier und Journalisten Qi Ge in der Literaturwerkstatt erklären lassen (20 Uhr). Wovon träumt Schanghai, wenn es schläft?

Und wovon träumt Bastian Sick ? Doch wohl von einer Anhebung des allgemeinen Sprachniveaus. Eine Wendung, in der von der „Erfolgsgeschichte des Kerpener vom Kart-Pilot zum Top-Favorit des deutschen Motorsport“ die Rede ist, verursacht ihm vermutlich Alpträume. Richtig, hier fehlen zwei Genitiv- und zwei Dativ-Endungen. In Zeiten orthografischer und grammatischer Desorientierung sind Sicks Zwiebelfisch-Kolumnen aus dem „Spiegel-Online“ stets hilfreich. Am Donnerstag kommt der Anwalt des „Kasus Verschwindibus“ mit seinem Erfolgsbüchlein „ Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod “ (KiWi) in Lehmanns Fachbuchhandlung (Hardenbergstr. 5, 20 Uhr 15). Fragen Sie ihn doch, ob Schiller wirklich besser ist wie Goethe und ob es bei Ihnen tatsächlich dieselbe Gans wie im letzten Jahr zu Weihnachten gab!

Einer, der sich ums Niveau nie sorgen musste, ist der vor einem Vierteljahrhundert gestorbene Nicolas Born . Wer seinen großartigen Roman „Die erdabgewandte Seite der Geschichte“ kennt, wird das bestätigen. Sehr früh und sehr klarsichtig hat Born den Verbleib der 68er-Ideale, die Medien als Realitätsverdoppler und das Zusammenschrumpfen der Welt auf ein „Welt-Surrogat“ beschrieben. „Ich gebe zu“, bekannte er nicht ohne Understatement, „dass ich schöne Gedichte schreiben wollte, und einige sind zu meiner größten Überraschung schön geworden.“ Überzeugen Sie sich davon, wenn Katharina Born gemeinsam mit Hans Christoph Buch , Karin Kiwus und Jürgen Theobaldy die gesammelten „Gedichte“ (Wallstein) ihres Vaters vorstellt (Mittwoch, 20 Uhr, im Literaturhaus ).

Nicht zuletzt sorgt der nunmehr schon traditionelle „Berliner Wintersalon“ unter der Ägide von Britta Gansebohm für eine Hebung des poetischen Standards unserer Stadt. Vom 13. bis 16.1. werden wieder die Jurten im Sony-Center am Potsdamer Platz aufgeschlagen. In ihnen lesen im Stundentakt die Krimi-Damen Thea Dorn und Sabine Deitmer , Ulrich Plenzdorf, Michael Wildenhain , Emine Sevgi Özdamar und viele, viele mehr.

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