Katastrophe : Die Dramen der Natur

Zwischen Heilserwartung und Untergang: Woher kommt eigentlich der Begriff Katastrophe?

Olaf Briese
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Eine Feuerwalze, 84 Tote. Zeitgenössische Postkarte vom Unglück an der Pariser Metrostation Couronnes im August 1903. Foto: R/D

Was erwartete ein Theaterzuschauer im alten Rom, wenn er das Wort Katastrophe hörte? Den positiven Ausgang des Bühnenstücks. Was erwartete der Beerdigungsgast im barocken Deutschland, wenn er in der Leichenpredigt hörte, der Verstorbene habe „eine glückliche Katastrophe“ durchlaufen? Er hoffte, dass auch ihn, wenn es einmal soweit wäre, eine solche Katastrophe ereilt, um Glück und Unsterblichkeit zu erlangen. Wo aber blieben die Schrecken von Naturkatastrophen? Wo blieben überhaupt die Negativeffekte? Von ihnen war nicht die Rede. Katastrophe war von der griechischen Antike bis hin zu Diderots und d’Alemberts „Encyclopédie“ (1751) fast ausschließlich ein Begriff für die glückliche Wendung eines Dramas.

Dieser Befund ist überraschend – und neu. Denn eine begriffsgeschichtliche Aufarbeitung dieses Schlüsselworts ist bisher ausgeblieben. Renommierte Fachlexika wie das „Historische Wörterbuch der Philosophie“, das „Historisches Wörterbuch der Rhetorik“ oder „Der Neue Pauly“ haben das Stichwort Katastrophe ebenso ausgelassen wie viele andere nationale und internationale Lexika aus Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften. Sogar Spezialarbeiten zu kleinsten Segmenten des Worts Katastrophe fehlen.

Die Nichteinbürgerung von „Catastrophe“ ins Deutsche erfolgte im Rahmen eines öffentlichen Streits, zu einer Zeit, als das Deutsche vereinzelt schon das Lateinische als Wissenschaftssprache ablöste. Die erste bekannte Prägung von „Katastrophe“ in deutscher Schriftsprache lässt sich in einer astrologischen Abhandlung von 1597 über Kometeneinflüsse nachweisen. Ihr zufolge war eine radikale, positive Erlösung, „ein Catastrophen“ allen irdischen Lebens, vom Jahr 1604 an zu erwarten.

Die Erde werde vernichtet, hieß es, das christliche Heil breche an. Die Prognose stammte von dem Arzt und Astrologen Helisaeus Roeslin, einem Freund Johannes Keplers. Der wies sie zurück, und bald tauschten sie jahrelang Streitschriften aus. Von Roeslin wurde der Begriff affirmativ gebraucht, von Kepler mit ironisierendem Spott über das neue Kunstwort: „Dann mir hat das Wörtlein Catastrophe so wolgefallen/weil D. Röslin so vil davon prognosticirt“. Noch mehr: Kepler brandmarkte die zweifelhafte Begriffsherkunft: „Catastrophe ist ein Wort/genommen auß den Comoedien“.

Damit hatte Kepler Recht. Wohl auch sein Verdikt verhinderte, dass das Wort in die deutsche Wissenschaftssprache einzog. Über die Umwege von Theologie und Astrologie wurde der Begriff dann aber doch gebräuchlich. Englische Astronomen und Geologen aus der Ära Newtons wie Burnet, Woodward und Whiston griffen das mittlerweile christlich-astrologisch eingebürgerte Wort auf und formten es um 1700 behutsam um. Der Begriff, bisher strikt auf einen erlösenden irdisch-kosmischen Abschluss bezogen, verdoppelte sich gewissermaßen. Es gebe, so hieß es, nämlich zwei Katastrophen – die der einstigen Sintflut und die des bevorstehenden irdischen Endes. Und nachdem im Zeitalter der frühen Aufklärung dieses christlich verklärte Ende immer weniger wünschenswert erschien, wurde Katastrophe Schritt um Schritt zu einem Negativbegriff. Damit ergaben sich konkurrierende Sprachmilieus. Die Theaterleute und ihre Theoretiker hielten sich weiter an den rein dichtungsbezogenen Gebrauch. So hob der Aufklärungstheoretiker Sulzer 1771 in seiner „Allgemeinen Theorie der Schönen Künste“ an der Katastrophe einer dramatischen Dichtung hervor: „Dadurch versteht man die Hauptauflösung, wodurch das ganze Stück sein End erreicht“, und als Merkmale führte er an: „Friedensschluß“, „Berathschlagung, wenn sie ordentlich vollendet wird“, „Ankunft an dem Orte, wohin die Reise gerichtet war“. Katastrophe ist – wovon auch der frühe Friedrich Schiller überzeugt war – die unerwartete Wendung, die nicht nur zu einem glimpflichen, sondern zu einem glücklichen Ausgang führt. Daneben gab es die Sprache der Naturwissenschaftler und -philosophen, die Katastrophen vermehrt auf wenig wünschenswerte Naturereignisse bezogen.

Wie zögerlich sich diese neue Entwicklung durchsetzte, lässt sich an Immanuel Kant verdeutlichen. Als junger Mann verwendete er den Begriff lediglich zweimal, nämlich anlässlich des verheerenden Erdbebens von Lissabon 1755. In seinem gesamten späteren Schaffen tauchte der Begriff nie wieder auf. Noch war Katastrophe in den europäischen Sprachen und Wissenschaftssprachen nicht wirklich angekommen. Denn federführend waren eben noch nicht Naturwissenschaftler, sondern die Geisteswissenschaftler, die auf den Gebieten von Geschichte, Dichtung und Literatur beheimatet waren. Erst ab etwa 1800 kam Bewegung in die Sache. Der so genannte „Ur-Brockhaus“ vermerkte zwar noch 1809 bei „Katastrophe“, es handle sich um eine „unerwartete erwünschte Wendung“, die „hauptsächlich bei Schauspielen“ zu verzeichnen sei, aber auch „bei andern Begebenheiten“. Der Schriftsteller Jean Paul, der wohl als erster in deutscher Zunge „Katastrophe“ und „Natur“ miteinander verklammerte (1804 sprach er von einer „Katastrophe der Natur“), hatte bereits eine andere, zukunftsweisende Sicht. Ende des 19. Jahrhunderts bürgerte sie sich allmählich auch für technische Vorkommnisse ein.

Und heute? Vor unseren Augen vollzieht sich die Entwertung des Begriffs. Denn er meint mittlerweile alles und nichts. Einerseits kennzeichnet er plötzliche Ereignisse (Schneekatastrophe, Erdbebenkatastrophe), andererseits auch Verläufe und Prozesse (Klimakatastrophe) und sogar Zustände (Überbevölkerung, Unterernährung). Das Wort entwertet sich durch seinen inflationären Gebrauch; es lässt sich inhaltlich nicht mehr überbieten. Als Folge davon kippen seine kategorialen Gehalte. Gerade aus der Richtung der Katastrophensoziologie und angrenzenden Wissenschaften, die vor allem mit dem Katastrophenmanagement zu tun haben, wird darauf hingewiesen, dass der Ausdruck Katastrophe emotional verramscht zu werden droht.

Der Philosoph und Kulturwissenschaftler Olaf Briese lehrt am Institut für Religionswissenschaft der Freien Universität Berlin. Zusammen mit Timo Günther hat er im „Archiv für Begriffsgeschichte“ (51/2009) einen ausführlichen Aufsatz zum Thema verfasst.

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