Kultur : Katastrophenschutz: Mehr Logistik, mehr Beweglichkeit, mehr Wissen

Adelheid Müller-Lissner

"Für punktuelle Attacken, wie sie jetzt allenfalls zu erwarten sind, ist unser Gesundheitswesen gerüstet", versichert Wolfgang Wagner, Bundesapotheker des Malteser-Hilfsdienstes und Präsidiumsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Katastrophenmedizin (DGKM). Bevorratung mit Medikamenten in großer Anzahl für alle nur erdenklichen "flächendeckenden Schadensfälle" hält man in der Fachgesellschaft ohnehin nicht mehr für zeitgemäß. Umso wichtiger ist nach Ansicht der Katastrophenmediziner und -pharmazeuten aber die Logistik, und hier beginnt die Kritik der Experten: "Was uns fehlt, ist ein Konzept einer koordinierten Notfallbevorratung", sagt Wagner. Dass "sein" langjähriges Thema nun in den Medien und in der Öffentlichkeit Interesse findet und auch die Politik auf den Plan zu rufen scheint, ist für Wagner ein erfreulicher Nebeneffekt der aktuellen Lage.

Grenzübergreifender Datenaustausch

Die Deutsche Gesellschaft für Katastrophenmedizin hat aber schon vor dem 11. September den Vorschlag einer "Logistikbörse" unterbreitet: Über eine Datenbank, die eine Vernetzung aller Krankenhausapotheken, Arzneimittelhersteller und Hilfsdienste ermöglicht, wäre jederzeit zu erfahren, wo tatsächlich gerade wie viele der akut in großen Mengen gebrauchten Medikamente lagern. Auch über die Transportstrukturen, über Personal und Aufnahmekapazitäten der Krankenhäuser könnte die Datenbank Auskunft geben.

Zum Thema Foto-Tour: Weltweite Angst vor Milzbrand
Online Spezial: Bio-Terrorismus
Trittbrettfahrer: Empfindliche Strafen Langfristig sollen diese Daten grenzübergreifend zusammen mit den europäischen Nachbarländern erfasst werden. "Wir könnten so mit kleineren Lagern auskommen und viel Geld sparen", betont der Chirurg und Katastrophenmediziner Bernd Domres von der Universität Tübingen. Bescheidenere Vorräte können leichter im normalen Alltagsbetrieb mitverbraucht und erneuert werden, so dass nur wenige Medikamente ungenutzt ihr Verfallsdatum erreichen. "Wir müssen beweglich bleiben, weil die Bedrohungen wechseln."

Augenblicklich stehen mögliche Bio-Anschläge im Vordergrund. Der Nachweis fraglicher Erreger geschieht in Referenzlaboratorien - und das in den meisten Fällen innerhalb weniger Stunden. "Die Verfahren sind alle verfügbar, auch genetisch veränderte Erreger können mit molekularbiologischen Methoden erkannt werden ", betont Jürgen Knobloch, Direktor des Tropenmedizinischen Instituts der Universität Tübingen und Mitglied der Schutzkommission, eines wissenschaftlichen Gremiums, das den Bundesinnenminister berät.

Keine Antibiotika gegen Ängste

Trotz wechselnder Gefahren bleibt der Grundstock der Notfallmedizin gleich: Gebraucht werden mit großer Wahrscheinlichkeit immer wieder "Schlüsselmedikamente" wie Schmerzmittel, Kurznarkotika zur schnellen Behandlung von Unfallopfern, Infusionen, Antibiotika und Impfstoffe, dazu Antidots gegen Vergiftungen. Antibiotika privat auf Verdacht zu horten, halten alle Experten für absolut überzogen. Wenn das im großen Maßstab geschieht, ist es doppelt gefährlich: Wer hortet, verringert die verfügbaren Vorräte. Wer die Medikamente auf Verdacht einnimmt, sorgt außerdem für die Entstehung von Resistenzen bei den Erregern.

Gegen Ängste helfen ohnehin keine Antibiotika. Auch das halten die Mediziner für ihr Thema. "Panik entsteht durch Informationslücken", so Domres, langjähriger Präsident der DGKM. Um ihnen entgegenzutreten, wurde beim Robert-Koch-Institut jetzt eine Informationsstelle zum Thema Biowaffen eingerichtet (montags bis freitags zu erreichen unter 01888-754-3430). Defizite sieht Domres auch bei seinen Kollegen: Seit zwanzig Jahren kämpft er dafür, dass Katastrophenmedizin zum "Pflicht-Baustein des Medizinstudiums" wird - bisher erfolglos.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben