Kate Tempest: grandioses Konzert in Berlin : Hammer und Herz

Die Londoner Dichterin und Rapperin Kate Tempest gibt in der Berghain Kantine ein grandioses Konzert mit den Songs ihres Debütalbums "Everybody Down".

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Die Londoner Rapperin Kate Tempest.
Die Londoner Rapperin Kate Tempest.Foto: David Stewert

Es war eine Riesenüberraschung, als kürzlich das kaum bekannte Hip-Hop-Trio Young Fathers mit „Dead“ den Mercury Prize für das beste britische Album gewann. Die Schotten hatten sich gegen Favoriten wie Damon Albarn und FKA Twigs durchgesetzt. Sofort einverstanden mit der Juryentscheidung war die vorher bei den Buchmachern ebenfalls hoch gehandelte Kate Tempest. Noch in der Nacht nannte sie die Kollegen auf Twitter „the right winners for sure“.

Dass das von Herzen kam, nimmt man der 28-jährigen Rapperin und Dichterin ohne Weiteres ab. Denn ähnlich wie die Young Fathers pflegt die Londonerin ein sehr ambitioniertes, offenes Verständnis von Hip-Hop. Ihr im Frühjahr veröffentlichtes Debütalbum „Everybody Down“ zählt zu den Genre-Highlights des Jahres und hätte den Mercury Prize ebenfalls verdient. Wie stark die Platte ist, verdeutlicht Kate Tempest bei ihrem Auftritt in der ausverkauften Berghain-Kantine. Dabei hält sie sich an die Songreihenfolge des Albums, das eine durchgehende Geschichte über drei junge Londoner erzählt. Im Eröffnungsstück „Marshall Law“ lernen sich die Tänzerin Becky und der Dealer Harry kennen. Die dreiköpfige Band legt erst mal ohne Kate Tempest los, die anschließend den größten Teil des Text alleine rappt. Ein genialer Kniff, mit dem sie das Publikum sofort fesselt. Ihr Flow ist makellos und mühelos, getragen von der Erfahrung unzähliger Open-Mike-Auftritte. Kate Tempest ist immer auf dem Punkt, streut souverän Passagen in doppelter Geschwindigkeit ein und lächelt dazu noch wie eine freundliche Pfadfinderin.

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Soundcheck Award für die Rapperin Kate Tempest
Soundcheck Award für Rap-Poetin Kate Tempest

Panik beim Finale

Der Transfer der Songs auf die Bühne glückt perfekt, weil die von einem formidablen Schlagzeuger angeführte Band genau das Maß an Zusatzpower einbringt, das stets die Spannung hochhält. Toll wie sie etwa das Finale von „The Heist“ in Panikstimmung überführt oder dem Hit „The Beigeness“ ein Extraglitzern verleiht. Ausschließlich mit der Backgroundsängerin rappt Tempest das Stück „Hammer“, eines der witzigsten in der einstündigen Show: „When all you’ve got is a hammer/ Everything looks like nails“.

Doch die Frau mit den langen blonden Locken kann auch sehr ernst werden. Das zeigt sie gegen Ende mit einem Liebesleid-Song, einem Anti-Konsumterror-Gedicht und einem machtvoll herausgeschleuderten Plädoyer gegen Gier und für mehr Nächstenliebe. Und weil sie praktiziert, was sie predigt, spendiert sie nachher am Merchandisestand jede Menge Umarmungen für die Fans.

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