Katharina Hacker "Eine Dorfgeschichte" : Geruch von Hunden

Geiersberg und Galgenhügel: Katharina Hackers rätselhafte Familiengeschichte aus dem Odenwald

Im Dorf“, so sagt die alte Frau Scholz zu der mittlerweile erwachsenen Erzählerin, „gibt es keine Geschichten, hier findest du nichts.“ Es ist eine Behauptung gegen Ende eines Buches, das durch seine bloße Existenz deren Gegenteil unter Beweis stellt, und zwar auf recht eindrucksvolle Weise. Breitenbuch heißt der Ort, den Katharina Hacker gleich zu Beginn ihrer Kindheitserzählung, die ganz bewusst auf eine Gattungsbezeichnung verzichtet, in seinen historischen und geografischen Koordinaten erfasst: ein Höhendorf im Odenwald, direkt an der bayrisch-hessischen Grenze, knappe 100 Kilometer von Frankfurt entfernt. Ein Tal, ein Bach, drei Seen. Flurnamen wie „Totenkopf“, „Geiersberg“ oder „Galgenhügel“. Hierher fuhr die Familie in den Ferien, in allen Ferien. Die Eltern haben das alte Schulhaus gekauft und zum Landsitz ausgebaut. Wenn die Kinder, die Icherzählerin und ihre beiden Brüder Simon und Frederik, durch das Dorf gehen, sind sie „die aus der Schule“.

Auf unterschiedlichen Zeit- und Bewusstseinsebenen, die sich auch in der typografischen Gestaltung niederschlagen, setzt Katharina Hacker ein Erinnerungsporträt des Dorfes und der eigenen Familie zusammen und unternimmt zugleich eine Bestandsaufnahme der Gegenwart. Denn die Icherzählerin kehrt mit ihren eigenen Kindern zurück, registriert das Verschwundene, das Neugebaute, das Verbliebene. Man kennt das, wenn auch in einer geradezu manischen Opulenz, aus den Romanen von Peter Kurzeck. Katharina Hacker geht nicht in die Breite – sie tupft einzelne Szenen nebeneinander. In der Aussparung, im Geheimnis liegt eine der großen Stärken dieser Dorfgeschichte, über der stets eine Atmosphäre des Unheimlichen und Morbiden liegt. Die ist in erster Linie ein Resultat der Kinderperspektive.

Hackers Figuren sind so märchenhaft bedrohlich und überhöht wie zugleich realistisch: Da ist der Jäger des Dorfes, ein dicker Mann, der kaum die Holzleitern zu den Hochsitzen bewältigen kann und sich eines Tages im Wald aufhängt. Da ist der klassische, von allen als Dorfdepp ausgemachte Hinker, der die Traktoren reparieren kann wie kein anderer und spätabends noch auf dem Hof steht und rauchend in die Dunkelheit starrt. Da ist der blinde Korbflechter, der in der Kirche die Orgel spielt. Da sind die dunklen Vorratskeller, die Raschelgeräusche, die undurchsichtigen Alten im Dorf.

Die beiden eindrucksvollsten Figuren dieses Buches sind die Großeltern, die unweigerlich zu jedem Breitenbuchaufenthalt gehören. Strenge, verschlossene Menschen mit festen Grundsätzen. Sie scheinen nicht mehr so recht hineinzupassen in die Welt. Eine Last scheint auf ihnen zu ruhen, die aus der Vergangenheit kommt. Die Großmutter hasst Tiere jeder Art; noch nicht einmal deren Namen dürfen die Kinder aussprechen. Stattdessen nummerieren sie die einzelnen Geschöpfe durch.

Eines Abends beginnt die Großmutter zu erzählen von ihrer Flucht; von dem Wagen, von dem sie gefallen ist; von dem Hund, der sich auf sie legte und ihr das Leben rettete. Und von dem Tiergeruch, den sie seitdem nicht mehr erträgt. Die 70er Jahre, in denen „Eine Dorfgeschichte“ angesiedelt sein dürfte, zählen noch zur Nachkriegszeit. Die Geschichte hat sich hier in den Menschen festgesetzt; den Kindern erscheint sie als eines von vielen unlösbaren Rätseln.

Es sind lange, helle Tage und lange, dunkle Nächte. Hacker beschwört keineswegs ein ländliches Idyll herauf, aber es ist glänzend, wie sie den Balanceakt zwischen kindlicher Lust am Geheimnis und Reflexion der Erwachsenenzeit meistert. Der Schatten, der über alldem liegt, ist der Tod. Denn nicht nur die Großeltern und die Eltern sind mittlerweile längst gestorben; auch Simon, der ältere Bruder, in Ferienzeiten Anführer, Ideenspender und Tyrann zugleich, ist jung gestorben. Frederik, der andere Bruder, ist ausgewandert. Auch als die Erzählerin Jahre später nach Breitenbuch zurückkehrt, löst sie für sich selbst die Reste dessen, was ihr unbekannt, unverstanden geblieben ist, nicht auf. Das sei, so heißt es ganz am Ende, eine spezielle Form der Freiheit. Ein Freiheitsbegriff, der eine Inszenierung des Unheimlichen ermöglicht, ohne dabei ins Raunen zu verfallen.

Katharina Hacker: Eine Dorfgeschichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2011. 126 S., 17,95 €.

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