Kultur : Katharina Thalbach: Das Mädchen und der General

Kerstin Decker

Sie sieht gar nicht aus wie ein Hauptmann. Eher wie die Zugehfrau eines Hauptmanns. Es ist eine sehr kleine Zugehfrau. Strähniges blondes Haar, dazu etwas Sackartiges, das früher einmal weiß gewesen sein muss. Eine Schürze würde ihr stehen. Der Eimer fehlt auch. Manchmal fährt sie sich mit der Hand über die Stirn. Gar nicht nach Art der Generäle. Eher nach Art der werktätigen Klasse. Aber die Bühnenarbeiter in der Kantine des Maxim-Gorki-Theaters schauen sie doch an wie einen Hauptmann. Oder Oberfeldwebel. Keine spielt militärische Ränge so wie Katharina Thalbach.

Nur diesmal ist sie ganz ohne Dienstgrad. Sie heißt einfach nur: Heldin. Ist Heldin ein Dienstgrad? Die Hindeutung aufs Preußentum liegt in dem Zusatz: Potsdam. Die "Heldin von Potsdam". Es gibt aber noch mehr Gemeinsamkeiten zwischen dem "Hauptmann von Köpenick" und der "Heldin von Potsdam". Beide teilen eine gewisse Neigung zur Hochstapelei. Nur ist "Die Heldin von Potsdam" ein Gegenwartsstück. Dabei hat es Vorteile, Stücke zu spielen, die schon existieren, wenn man anfängt zu proben.

Als Katharina Thalbach mit dem "Hauptmann von Köpenick" begann, kannte sie vorher schon den ganzen Text. Diesmal nicht. Überall fehlte was. Der große Monolog der Heldin. Der Schluss. Man kann nicht sagen, dass Volker Hesse, der neue Intendant, daran ganz unschuldig war. Denn er sagte zu Martin Walsers jüngster Tochter Theresia Walser, dass er da in Berlin ein Theater übernehme und dafür dringend ein nagelneues Stück brauche. Das müsse sie ihm schreiben. Theresia Walser sagte, dass sie das versuchen wolle. Und so stand Katharina Thalbach am Anfang ohne Monolog und Schluss da. Hat sie das - verunsichert?

Die Hauptmännin fährt sich mit der Hand über die Stirn. Wahrscheinlich denkt sie, dass die Unkenntnis von Schlüssen zu den gewöhnlichen Risiken der militärischen Existenz gehört. Oder eben zu denen der Hochstapelei. Theater ist schließlich eine Kreuzung aus Militärwesen und erweiterter Köpenickiade. Generalstabsmäßige Organisation trifft auf professionell betriebene Hochstapelei. Das Ergebnis nennen Enthusiasten Kunst. Darauf hoffen die Hochstapler. Aber sie kann jetzt über sowas nicht nachdenken. Sie muss doch Theresia Walsers Text lernen. Gleich fängt die Probe an. Heldin werden! Und es ist so ein schwerer Text. Er klingt bloß so leicht. Als Katharina Thalbach ihn zum ersten Mal las, dachte sie: Was ist das denn? - Schon klar, vor ihr lag die Erörterung der Frage, was wohl wirklicher ist, die Wirklichkeit oder die Fantasie. Jeder Theatermensch weiß die Antwort auf solche Fragen sofort. Wenn die Wirklichkeit wirklich wirklicher wäre als das Theater, hätten sie doch alle den falschen Beruf.

Die Kunst der Einfachheit

Aber Nicht-Theatermenschen haben es schwerer. Erst recht, wenn man von Beruf Kurzarbeiterin ist, wie Paula, die Heldin von Potsdam. Wenn man eigentlich gar keinen Beruf hat und sich sein ganzes Dasein erträumt, um sich besser vorstellen zu können, dass man lebt. Hat Paula auch geträumt, dass Skinheads sie aus der S-Bahn stoßen? Verletzt ist sie wirklich. Warum sollen es nicht Skinheads gewesen sein? Für eine kranke Paula interessiert sich kein Mensch. Für eine von Skinheads aus der S-Bahn gestoßene Paula interessiert sich sogar der Bundeskanzler. Paula könnte sich nützlich erweisen als Heldin der Nation. Überall sein, wo Menschen erniedrigt und beleidigt werden. Zum ersten Mal gebraucht werden. Ja, hat Paula nicht sogar die moralische Pflicht, von Skinheads aus der S-Bahn gestoßen worden zu sein?

Jeder Mensch besitzt seine eigene höhere Wahrheit. Katharina Thalbach versteht das. "Die Heldin von Potsdam" ist ein Stück, bei dem jeder mehr über sich selbst erfährt. Und über unsere Wirklichkeit, also die wirklichere Wirklichkeit, die Fiktion ist. Aber das sprechen können! Diese Walserschen Einfachsätze, die in Wahrheit höchste Kunstsprache sind. Am Anfang hat Katharina Thalbach jeden einzeln in den Mund genommen. Denn Schauspielerei ist nur eine höhere Form des Kannibalismus. Einverleibung! Und wehe, du setzt ein "jetzt", das ans Satzende gehört, an den Satzanfang. Nein, wenn Katharina Thalbach Hauptmann ihres eigenen Lebens wäre, würde sie jetzt nicht mit Journalisten reden, sondern schon mit der Ver-Paulaisierung anfangen. Noch eine Stunde bis zur Probe.

Sie hat Erfahrung mit Gegenwartsautoren. Mit einem war sie mal verheiratet: Thomas Brasch. Von ihm bekam sie den Hauptmonolog erst am Premierentag. Sie nahm also den Monolog und schloss sich zwei Stunden lang auf der Toilette ein. Es wurde ein sehr schönes Stück damals in Zürich. Volker Hesse hat in Zürich auch schon mal ein sehr schönes Stück gemacht. Theresia Walsers "King Kongs Töchter". Aber Intendant und Schauspielerin sind sich dort nicht begegnet. Sie kannten sich gar nicht, bevor sie sich das erste Mal in Berlin trafen. Das war im letzten Winter. Da wusste Volker Hesse noch nicht, dass er gerade seiner "Heldin von Potsdam" gegenübersaß. Wahrscheinlich hielt er Katharina Thalbach für einen alten Berliner Hauptmann.

Katharina Thalbach sieht jetzt weder nach Hauptmann noch nach Heldin aus. Sie kennt das Problem schon etwas länger. So jung wie sie war sonst keine. Durchsichtig jung beinahe. Mit fünfzehn spielte sie die Hure in der "Dreigroschenoper" am Berliner Ensemble und im selben Jahr noch Polly. Sie war Lotte in "Die Leiden des jungen Werther" von Egon Günther. Das war noch tief in der DDR. 1976 beschloss sie auszureisen. Mit Brasch, dem Premierentagsschreiber. Damals gingen die Dissidenten gerade alle wegen Biermann. Thalbach überlegte: Wegen Biermann? Warum nicht wegen mir selbst? Also ging Katharina Thalbach wegen sich selbst in den Westen. Und war wieder so jung, diesmal in Volker Schlöndorffs "Blechtrommel". Aber was sind Pollys und Lotten und die anderen eigentlich gegen richtige Hauptmänner? General oder Mädchen - es gibt nichts Drittes. Also spielte sie irgendwann alle verfügbaren Hauptmänner bis hin zur Mutter Courage 1995 in Paris. Courage ist die Hauptmännin schlechthin.

Ein anderer Hauptmanns-Beruf ist gewiss Regisseur. Das wurde die Thalbach auch. Und über Regie wollte der neue Intendant zuerst auch mit ihr reden. Was man denn nun beginnen solle am neuen Gorki-Theater. Neue Dramatik!, sagte der Intendant. - Seifenopern!, hielt Katharina Thalbach probeweise dagegen. Man könne doch eine "Gorki-Familie" gründen. Und die macht dann Zwischen-Tür-und-Angel-Abende in Fortsetzungen. Wir haben gerade eine eigene Band aufgemacht, sagt Katharina Thalbach und schaut wie ein getadelter Rekrut auf den Kantinentisch. Jeder, der ein Instrument spielt oder singen kann, macht mit. Ihr Blick geht dabei sehr weit nach innen. Hätte sie bloß nichts von Seifenopern und Bands gesagt, dann müsste sie jetzt nicht die "Gorki-Familie" leiten.

Schauspieler sind Kannibalen

Sie hat überhaupt keine Zeit dafür. Gleich dreht sie "Harte Brötchen", eine Generalsrolle, ganz klar: Kioskbesitzerin aus dem Ruhrpott kämpft ums Überleben, und nachts erscheint ihr toter Mann als Geist. Wenn Kathrina Thalbach mit der Kioskbesitzerin fertig ist, muss sie auf dem Pergamonaltar Kleist inszenieren, "Penthesilea". Volker Hesse hat nämlich gesagt, dass ein richtig avantgardistisches Theater auch seine nähere Umgebung bespielen müsse, und da sei man darauf gekommen, dass das Pergamonmuseum gewissermaßen die nähere Umgebung des Gorki-Theaters darstelle. Der Pergamonaltar. Szenenwechsel: ein Krankenhaus-Bett mit Krankenhauslampe darüber. Mehr nicht. Im Bett liegt Paula mit Kopfverband. Nein, im Bett liegt ein General. Licht aus. Licht an. Er befehligt ganze imaginäre Medienheere. Wirklichkeitskompanien treten an und treten wieder ab. Über Marschrouten der Realität wird entschieden. In Paulas Bett. Im Bett eines Generals.

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