Kultur : Kathedrale des Wissens

Astrid Herbold erklärt Wikipedia zum Weltkulturerbe

So ein schöner Slogan und nicht mal ein Scherz: Wikipedia will Weltkulturerbe werden. Gerade erst feierte das Online-Lexikon zehnten Geburtstag, es gab viel anerkennendes Schulterklopfen und breites mediales Lob. „Da haben wir überlegt, wie wir diesen Spirit über das ganze Jahr tragen können“, erklärt Pavel Richter, Geschäftsführer des deutschen Fördervereins Wikimedia am Mittwochabend in Berlin.

Zu Weißwein, Brezeln und Diskussion hatte Wikimedia ins Deutsche Technikmuseum geladen, T-Shirts und Postkarten zur Kampagne sind schon gedruckt. Der Vorschlag, sich mittelfristig um den Weltkulturerbe-Status zu bemühen, kam vor einigen Wochen in der deutschen Community auf, mittlerweile findet man ihn auch in anderen Ländern super. Jetzt können die Nutzer der fünftbeliebtesten Website der Welt eine Online-Petition zeichnen, mit der sie das Vorhaben unterstützen. Und bevor auf dem Berliner Podium kleinlich das Für und Wider besprochen wird, sorgt Wikipedia-Gründer Jimmy Wales erst mal für gute Stimmung. Mit einem salbungsvollen „Image a World …“ beginnt die Youtube-Ansprache des Amerikaners, man hat ihn im schwarzen Pullover vor eine weiße Wand gestellt und ein bisschen Hall in seine Stimme gezaubert. „Make it happen“, bittet er, „Wikipedia für World Heritage.“ Und unbedingt weitersagen: „Put it on Twitter, put it on Facebook!“

So viel Sendungsbewusstsein steckt an. Auch Wikimedia-Geschäftsführer Richter ist um voluminöse Worthülsen nicht verlegen, schließlich geht es um verbale Wertschätzung, um Prestige und positive Assoziationsketten. „Werke von außerordentlichem universellen Wert“, so lautet das Kulturerbe-Kriterium in der UnescoÜbereinkunft. Auf das Mitmach-Lexikon mit seinen Millionen Einträgen und hunderttausenden ehrenamtlicher Mitarbeiter trifft das allemal zu, so die Fürsprecher. Wikipedia sei ein Ort, an dem das „Wissen der Welt“ der Menschheit kostenlos und frei von Urheberrechten zur Verfügung gestellt wird. „Eine universal großartige Website“, sagt Richter. Der Kölner Dom des Internet, sozusagen.

Wenn aus dem Plan nun mehr werden soll als eine schöne PR-Blüte, dann hat Wikipedia sich einiges vorgenommen. Mehrjährige Auswahlverfahren, tausendseitige Gutachten – und vor allem die Klärung der Frage: Was genau an der Online-Enzyklopädie ist überhaupt schützenswert und musealisierbar? Die Software? Der Inhalt? Das Veröffentlichen unter freier Lizenz? Der Vorgang des kollektiven Schreibens?

Letzterer ist zumindest bedroht. Noch immer kämpfen hinter den Kulissen die sogenannten Exklusionisten mit den Inklusionisten, der Graben zwischen den beiden Fraktionen ist tief, der Konflikt ungelöst. Mehr Nischenthemen zulassen, sagen die einen, weiter auf strenge Relevanzkriterien pochen die anderen. Der ewige Streit um Löschen oder Drinlassen hat viele bereits vergrault, auch mit dem Nachwuchs hapert es. Eine kuschelige Weltkulturerbe-Debatte kommt da gerade recht. Ob sie auch intern Frieden stiften kann?

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