Katie Mitchell inszeniert Jelinek : Szenen keiner Ehe

Wenig produktive Reibung, dafür Momente unfreiwilliger Komik. Katie Mitchells Inszenierung von Elfriede Jelineks Eurydike-Stück „Schatten“ an der Schaubühne.

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Szenenbild aus Katie Mitchells „Schatten“-Inszenierung.
Fragmente einer Sprache der Kaputtheit. Szenenbild aus Katie Mitchells „Schatten“-Inszenierung.Foto: Gianmarco Bresadola/Schaubühne

Eurydike ist ziemlich schlecht gelaunt. Im kleinen Schwarzen sitzt die ambitionierte Autorin in der Künstlergarderobe ihres Mannes Orpheus und tippt schwer emotionale Halbsätze in den Laptop. „Ganz neuen Schmerz, aber immerhin Schmerz“, vertraut sie düsteren Gesichtes dem Gerät an. Dass Eurydike mit diesen Ergüssen nicht recht zufrieden ist, kann man gut verstehen. Umso schlimmer für die dauerhaft schaffenskrisengebeutelte Autorin, dass ihr Gatte kurz vor seinem Konzert noch schnell auf einen Quickie in der Garderobe vorbeischaut. Menno aber auch: Dieser Typ ist einfach immer so ekelhaft gut gelaunt! Nimmt sich alles, was er will! Und sonnt sich – veritabler Singer-Songwriter-Star, der er ist – gleich noch postkoital im „Fangeschrei der kleinen Mädchen“ da draußen!

Chapeau: Man hätte wirklich nicht gedacht, dass sich Elfriede Jelineks Text „Schatten (Eurydike sagt)“ auf derart eindimensionale Bilder herunterdividieren lässt! Aber in Katie Mitchells Inszenierung in der Berliner Schaubühne sieht der Feminismus tatsächlich wesentlich älter aus, als er je war. Bei Jelineks hier stark dezimiertem 57-Seiter handelt es sich um eine typische Textfläche – die den Mythos von Orpheus und Eurydike aus Sicht der Letzteren erzählt.

Ein schwer existenzielles "Fuck!"

Eurydike ist überaus erleichtert, nach dem tödlichen Schlangenbiss endlich ihre Ruhe zu haben vor den irdisch-ehelichen Zumutungen und empfindet es dabei als besondere Entlastung, nicht mehr „Objekt“ sein zu müssen. Entsprechend groß ist natürlich das Entsetzen, als Macho-Gatte Orpheus ausgesucht glutäugig in den Hades beziehungsweise in der Schaubühne per Fahrstuhl in die imaginäre Kelleretage minus vier herniederfährt, um sie zurückzuholen.

Jule Böwe, die prinzipiell ja eine wirklich tolle Schauspielerin ist, muss hier als weibliches Opfer, sofern sie nicht gerade mal wieder in einem kleinen Ohnmachtsanfall zusammensackt, dauerhaft leidend in die Kamera schauen. Wer wollte ihr verdenken, dass diese intendierte Dauerdepression mitunter eher ins Sauertöpfische verrutscht? Renato Schuch als Softpop-Orpheus hat es da selbst im Prinzip zwar keinen Deut besser. Das Publikum allerdings schon. Denn Schuch ist in ein derart enges Latin-Lover-Klischee-Korsett eingeschnürt, dass es immerhin zu großen Momenten von (unfreiwilliger) Komik kommt. Ein diesbezüglicher Höhepunkt: Als Orpheus sich wider die altbekannte Unterwelt-Regel doch zu seiner Frau umdreht und sie damit definitiv verloren hat, entfährt ihm nach drei Schrecksekunden, in denen hinter weit aufgerissenen Augen langsam der Groschen fällt, ein schwer existenzielles: „Fuck!“

Zu sehen ist das alles in einem wirklich adretten Close-up. Denn wie fast immer bei Mitchell besteht die Bühne (Alex Eales) aus einem Filmset: Die Orpheus’sche Künstlergarderobe, der Fahrstuhl zum Hades oder auch ein ebenfalls gern frequentiertes Fluchtfahrzeug (ein optisch durchaus ansprechender VW Käfer) stehen, umwuselt von Live-Kameramännern und -frauen, nebeneinander als Kulissen auf dem Szenario. Die Schauspieler springen eilig zwischen ihnen hin und her, während man oben, auf einer Großleinwand, die live verfertigten Fragmente als scheinbar homogenen Film sieht.

Ein Soundtrack moraliner Dauerdepression

Den Eurydike-Text steuert größtenteils Böwes Kollegin Stephanie Eidt als optisches Eurydike-Lookalike aus einer seitlichen Sprecherkabine bei. Und auch hier: Während Jelineks Textflächen voller Widerhaken, nicht frei von gesunder Aggression sowie erfreulicher Bösartigkeit und vor allem immer bereit sind, auf sich selbst auszurutschen, beschränkt sich Mitchell auf einen Soundtrack moraliner Dauerdepression. In Kombination mit dieser bildlichen Übersetzung in naheliegende, pseudo-realistische Film-Szenen einer schlechten Ehe entsteht da zur Textvorlage weniger produktive Reibung als, wie gesagt, unfreiwillige Komik.

Kleiner Trost: Spätestens ab nächster Spielzeit wird am Lehniner Platz mit Herbert Fritsch als neuem Hausregisseur garantiert auch wieder freiwillige Komödie stattfinden. „Wir freuen uns sehr“, so Intendant Ostermeier, „dass der großartige Regisseur Herbert Fritsch zu uns ans Haus kommt“. Wir schließen uns da kompromisslos an – zumal nach diesem Abend.

Wieder am heutigen Freitag sowie am 3. Oktober, jeweils 20 Uhr

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