Kultur : "Katzen haben sieben Leben": Mama, ich hasse dich nicht!

Günther Grack

Zwei Frauen - die eine wird immer die stärkere, die andere die schwächere sein. Eine Beziehungskiste, in der es rappelt von Geburt an: Mutter und Tochter wachsen sich alsbald zu Rivalinnen aus, im Wettstreit miteinander Lebenserfahrung und Lebenskraft messend. Oder zwei Freundinnen - schön ist das Vertrauen, das sie verbindet, bis so etwas Hässliches wie Eifersucht aufkommt. Oder zwei Frauen im Berufsleben, Arbeitgeberin die eine, Arbeitnehmerin die andere - eine Hierarchie, für deren Harmonie auch die wachsamste Gewerkschaft nicht bürgen kann.

Zwei Frauen - mehr braucht Jenny Erpenbeck nicht, um in ihrem Theaterstück "Katzen haben sieben Leben" die Positionen von Macht und Ohnmacht durchspielen zu können. Die Schauspielerin A und die Schauspielerin B zeigen in dieser zwölfteiligen Szenenfolge, was zwei Frauen miteinander anzustellen vermögen; dabei steht es der Aufführung frei, die Texte von A und B untereinander auszutauschen, "wenn die konkrete Besetzung eine andere Sicht auf die Positionen der Stärke oder Schwäche nahelegt". So heißt es, recht abstrakt anmutend, in einer Vorbemerkung zu dieser ersten Theaterarbeit der Berliner Autorin, die 1999 mit ihrem Prosaband "Geschichte vom alten Kind" zu Recht viel Beachtung fand.

Dass das Stück, dessen Uraufführung Jenny Erpenbeck voriges Jahr am Schauspielhaus Graz selbst inszeniert hat, sich in der Tat sehr konkret umsetzen lässt, so sinn- wie augenfällig, erweist jetzt die deutsche Erstaufführung in Berlin an den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Marianne Wendt, seit 1996 als Regie- und Dramaturgieassistentin an dem Haus tätig, gibt damit ein bemerkenswertes Regiedebüt: so handwerklich sicher wie phantasievoll-selbstständig im Umgang mit dem surrealistisch wuchernden Textgewächs, dem sie hier und da eine Ranke kappt, um ihm eine eigene aufzupfropfen. Vor allem aber: so einfühlsam in der Führung der beiden Schauspielerinnen Margit Bendokat und Katrin Klein, die, wie ihre Rollen in edlem Wettstreit, allerlei Facetten weiblicher Exaltation leuchten und blitzen lassen. Die fünfte Frau, die ihren Anteil am Erfolg dieses Abends hat, Malve Lippmann, verantwortlich für die Ausstattung, hat einen in weißem Lack und weißem Neonlicht erstrahlenden Raum entworfen und, in Kontrast dazu, schwarze Kostüme: bodenlange, in Schleppen ausschweifende Kleider, die die beiden Damen beinahe verwechselbar erscheinen ließen, wäre deren individueller persönlicher Charme nicht so unverkennbar.

Schon das erste der locker aneinandergereihten Impromptus erzielt seinen Effekt durch die altersgemäß konträre Besetzung der Rollen: Katrin Klein, die Jüngere, spielt die Mutter, macht in schneidend höhnischem Ton die Tochter fertig, die wieder einmal nicht abgewaschen, nicht staubgesaugt hat: "Was glaubst du eigentlich, wer du bist?" Und Margit Bendokat guckt ängstlich, auch ein bisschen trotzig drein, ein sanftes altes Kind, das sich zu einer Retourkutsche aufrafft, die umso überraschender daherkommt: "Ich hasse dich nicht, Mama", schreit sie die Mutter aus rauer Kehle an. Das Altersverhältnis der beiden Darstellerinnen kehrt sich um, wenn die eine der anderen, so scheißfreundlich wie hinterfotzig, nach dem Mann auch noch die Wohnung wegnimmt: Klein tiriliert mit süßester Stimme, Bendokats Organ erstirbt in fahler Resignation. Den Höhepunkt an komischer Wirkung aber setzt eine Szene, in der das Theater auf sich selbst anspielt: Bendokat spielt eine berühmte Aktrice, Klein eine Verehrerin der Diva, eine Verkäuferin, die auch gern Schauspielerin werden würde, womit sie jedoch nur hohnlachende Arroganz provoziert - "Verkäuferin, das ist ja auch ein wichtiger Beruf", tönt es in aberwitziger Wiederholung immer lauter aus der sich toll steigernden Margit Bendokat heraus.

Das letzte Wort hat, enervierend vor sich hin krähend, ein altkluges Baby. Wahrscheinlich weiblichen Geschlechts. Frauen unter sich - so viel geballter Power kann man nur Respekt bezeugen.

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