Kultur : Katzenfutter

Uraufführung I: Roland Schimmelpfennig in Wien

Christina Kaindl-Hönig

Hängende Schultern im hellen Anzug: Die Hoffnung stirbt, und ein Riss in der eigenen Identität zieht sich durch Lebensträume und Zukunftsperspektiven. Erinnerungen und Fantasien löschen das Jetzt aus. Da verblasst die Schrift an der Wand, die eben noch den Text vorgab: Der arbeitslose Schauspieler erkennt sich selbst nicht wieder, das Foto einer verjährten Premierenfeier zeigt ein fremdes Gesicht. Das Engagement der Stunde lautet zwangsweise Umschulung: Broterwerb in einem Tierversuchslabor.

„Ende und Anfang“, das neue Stück von Roland Schimmelpfennig, versammelt an ihren Träumen gescheiterte, beschädigte Existenzen im Personalaufenthaltsraum eines Genlabors. In Arbeitskitteln vor einer tristen Betonwand mit garagenartigen Öffnungen (Bühne: Katrin Nottrodt) bilden sie in der Uraufführungsregie von Nicolas Stemann am Wiener Akademietheater eine konforme Einheitsfront, aus der sich Figuren wie Schattenrisse lösen: Der Schauspieler Peter (Sebastian Rudolph) und seine an Erinnerungslücken leidende Halbschwester Isabel (Myriam Schröder); der alte Akademiker (Rudolf Melchiar) und seine junge Geliebte (Stefanie Dvorak); der tierliebende Exilrusse Pjotr (Hermann Scheidleder), der sich mit den Versuchsaffen unterhält, und der Ex-Alkoholiker, der vom Fliegen träumt (Philipp Hochmair). Zusammen mit der todkranken Irina (Sachiko Hara), die sich im Brautkleid der Großmutter ihr Grab schaufelt, und dem Opfer eines Flugzeugabsturzes (Markus Hering) ergeben sie ein Panoptikum von Untoten, die sich einzig durch die Erzählungen ihrer Schicksale am Leben zu erhalten scheinen.

In einem Stilpluralismus aus Prosa, Dramatik und Poesie bietet Schimmelpfennig eine Szenenfolge aus Shortcuts in zeitlichen Vor- und Rückblenden. Ein postmodernes Textkonstrukt um eine fatalistisch leere Mitte; ein „dramatisches Gedicht“, wie der Autor es nennt, ohne lineare Handlung, ohne psychologische Charaktere, deren uneigentliches Sprechen sich längst von ihrem unmittelbaren, inneren Ausdruck verabschiedet hat. „Mit einem Jelinek-Text kann man alles machen“, sagte Stemann. „Man kann ihn gegen die Wand schmeißen, er bleibt immer da. Schimmelpfennig bietet eher eine Bauanleitung für ein Ikea-Regal an.“ Mit allen Mitteln versucht das Ensemble, Schimmelpfennigs solipsistischen Depressionserguss mit Atmosphäre Stabilität zu verleihen.

Da tollen Äffchen zwischen Tierkäfigen über die Bühne, denen Bibiana Zeller über Mikro ihre Stimme leiht. Sebastian Rudolph gibt mit einem Riesenlöwenkopf den König der Tiere, den – zum Menschen verwandelt – der Mut verlässt. Mit Federn an den Händen dürftig gewappnet, erhebt sich Philipp Hochmair als Vogelmensch im Trainingsanzug (Kostüme: Esther Bialas) in den Schnürboden, während das Ensemble unisono den Schrei des Adlers imitiert. Abzuheben vermag das Stück nicht – und der Tod in Gestalt des verkohlt umhergeisternden Flugopfers ereilt einen Großteil der Figuren. Trotz des Bilderreichtums bleibt die Durchsicht auf die gesellschaftliche Realität in Schimmelpfennigs Depressionsmetaphysik vernebelt.

Am Ende steht der ehemalige Schauspieler wieder mit hängenden Schultern vor der Bühnenwand. Hinter ihm die Projektion von Schimmelpfennigs Text, den er synchron rezitiert: die Beschreibung seiner armseligen Wohnung und ein Foto, woran er sich kaum mehr erinnern kann. Die Vergangenheit, in deren Dunkelheit sich alle Gestalten verschanzt haben, vermag nicht einmal die leuchtende Gen-Maus zu erhellen, die durch das Stück geistert. Die Katze hat sie gefressen.

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