Kultur : Katzenmenschen

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Ein schiefes, silbrig-fettes „K“ glänzt von der Leinwand in das ausverkaufte Velodrom. Eine sichtbar reife Jugend gerät in hörbar schrille Verzückung: „Kylie! Kylie!!" Vor zwei Jahren wäre das undenkbar gewesen. Heute orgelt ein Keyboard ehrfurchtsvoll den Soundtrack zur Wiederauferstehung. Buchstäblich aus der Versenkung taucht Kylie Minogue dann auch auf: als wenig verhüllter Roboter auf einer Hebebühne. Sie stürzt sich programmatisch in das auffordernde „Come Into My World“ - ein süffisanter Disco-Schlager, penetrant und schmissig. Von der Decke baumeln vier vermummte Tänzer in Catsuits. In ihren hautengen Kostümen stehen sie für die gesichtslose Körperlichkeit auch dieser Musik. „Shocked“, „Love At First Sight". Schnell konsumierbare Liedchen, auf dem schmalen Grat zwischen Kitsch und Ewigkeit. Kleine Referenzen an Eminem, New Order, The Sound of Music schmücken das Spektakel. Einem Portrait von Beethoven folgt gar das Bild einer Disco-Kugel - „Spinning Around". Kylie läuft derweil eine Show-Treppen-Kulisse ab, die angeblich von Kubrick inspiriert ist, aber wie „West Side Story“ wirkt. In acht von Dolce und Gabbana entworfenen Verkleidungen (unter anderem als Diva, Polizistin und Street-Girl) spielt der zu früh vollendete, australische Fernseh- und Kinostar den eigenen Sex-Appeal durch. Ihr „Ich gehöre zu euch"-Lächeln ist unwiderstehlich und nimmt der Inszenierung Distanz. Kylie ist ein Vamp zum Knuddeln - und mit Witz gesegnet ist sie auch. Ihr Teen-Hit „Locomotion“ klingt im Trip-Hop-Gewand wie eine Aufforderung zur Orgie, die auch von Houellebecq stammen könnte. Nach zwei Stunden der krönende Karaoke-Abschluss: „La-la-la“ und so weiter. Pop in all seiner schnöden Einfachheit. Fantastisch. Ulf Lippitz

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