Kaufhäuser : Wunderkammer der Warenwelt

Kleine Kulturgeschichte des Kaufhauses – am Ende seiner Epoche.

Michael Rutschky
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Die ganze Welt

„Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktion herrscht, erscheint als eine ungeheure Warensammlung“, beginnt das berühmte Buch aus dem 19. Jahrhundert, Karl Marx’ „Das Kapital“.

Nirgendwo manifestiert sich dieser Reichtum so unwiderstehlich wie in den großen Warenhäusern – deren Ära mit der Insolvenz von Arcandor, der drohenden Schließung von Karstadt und Co. im Niedergang begriffen scheint. Höchste Zeit für ein paar Kaufhaus-Geschichten.

Eine DDR-Schauspielerin pflegte zu erzählen, wie sie in den Siebzigern zum ersten Mal im Westen war und beim Betreten eines Düsseldorfer Kaufhauses fassungslos in Tränen ausbrach. Wie die ungeheure Warensammlung die DDR-Bürger vom Sozialismus fortlockte, hin zum Konsumismus – wer 1989 dabei war, erinnert schöne Verführungsszenen, von den Auslagen der türkischen Gemüsehändler bis zu den Sonderangeboten der Autohäuser. Von wegen entzauberte Welt.

Im Warenhaus konzentrieren sich die Reize zum Rausch: die labyrinthische Präsentation der Waren, die glücklichen Inseln der Sonderangebote, die den Flaneur immer tiefer in das Labyrinth hineinziehen; die zwischen kalt und warm kunstvoll wechselnde Beleuchtung, wie sie sich überdies im Estrich spiegelt, die Grenze zwischen oben und unten verwischend; die Rolltreppen, auf denen man aus dem einen Himmel in den nächsten gleitet – als sollte die Hölle von Piranesis Carceri in eine Paradiesarchitektur verwandelt werden. Jeder kennt die verheißungsvollen Namen der großen Warenhäuser, Le Printemps und die Galeries Lafayette in Paris, das Harrod’s in London, Bloomingdale’s in New York. Das Karstadt am Hermannplatz in seiner historischen Gestalt, Hermann Tietz an der Leipziger Straße – unverkennbar konkurrieren diese Architekturen mit den Palastbauten der staatlichen und der Kirchenmacht. In Philadelphia feiert eine Gedenktafel den Gründer des Etablissements als „Prince of Commerce“, als Fürsten des Handels – so etwas findet Alteuropa geschmacklos. Aber das Kaufhaus Unter den Linden, das Karl Friedrich Schinkel 1827 entwarf, harmoniert tadellos mit seinen Kirchen, Monumenten, Bühnenbildern.

Nachkriegsdeutschland lernte rasch, der Verführungskraft des Konsums zu erliegen; Heroismus, Verzicht, Opferwille waren besiegt. Wer – wie ich – in den Fünfzigern seine Kindheit auf dem Land verbrachte, den begeisterte jeder Besuch in der Stadt wegen der Geschäfte, wegen der Kaufhäuser, die zu bestaunen waren. Die Tante, die das Auto fuhr, nahm das Kind mit ins Kino – zuvor aber tätigte sie, ländliche Bourgeoisie, große und feine Einkäufe bei den namhaften Einzelhandelsgeschäften, Lottermoser, Schade & Wiederholt, Haltaufderheide, Scheyhing. Dort war sie als Stammkundin bekannt. Der Knabe langweilte sich bei Lottermoser und Haltaufderheide und nutzte die Zeit vor der Kinovorstellung lieber für einen ausführlichen Besuch in der Warenwelt, er schlunzte durch sämtliche Etagen des Kaufhofs.

Einzelheiten haben sich nicht eingeprägt. Die „Liebesblicke der Waren“ (Marx) erregten ihn ganz allgemein, wirkten gewissermaßen polymorph-pervers. Er hatte ja keine Verwendung für den Starmix oder den Schuhspanner, das Radiomöbel oder die Herrenmäntel. Das waren surrealistische Objekte wie das berühmte Buch mit den Seiten aus schwarzer Wolle. Die Warenwelt erweckte in ihm das Heimweh nach der Zukunft; später würde er herausfinden, wozu das alles gut sei.

Was den Knaben antrieb bei der Tour durch den Kaufhof in Kassel, das war kein Habenwollen. Dass er kein Geld besaß, um irgendeines dieser schönen, reizvollen, rätselhaften Dinge zu kaufen, das tat ihm kaum weh. Es ging um Schaulust, es ging darum, sich sattzusehen – gleich träfe man zum Kinobesuch die Tante vor der Kaskade oder dem Union-Palast, im Grunde war der Kaufhof schon Kino.

Aus Amerika kam das Warenhaus nach Europa; ein Bau wie das historische Karstadt am Hermannplatz lässt an Chicago denken (mit dem Berlin schon Anfang des 20. Jahrhunderts oft verglichen wurde). Das Fundamentaldemokratische des Warenhauses ist am Kaufhof der fünfziger Jahre, durch den der Jüngling auf der Jagd nach Augenfreuden streifte, genau zu erkennen. Niemand stellte sich ihm in den Weg, fragte nach seinen Wünschen, bearbeitete ihn mit Angeboten – niemandem muss sich der Flaneur entwinden, wenn er im Kaufhaus weder hier noch da was kaufen, wenn er bloß schauen will. Im Warenhaus kann man kommen und gehen, ohne irgendwelche Verpflichtungen.

Dagegen hafteten an den Einkäufen der Tante bei Lottermoser und Haltaufderheide noch viele Elemente der Alten Welt. Als Stammkundin war sie den Läden verpflichtet. Die Freiheit, in der laut Marx der Tauschakt Geld gegen Ware stattfindet, ist bei diesem Typus Geschäft erst unvollkommen realisiert. Unmöglich, sich hemmungslos das ganze Angebot vorlegen zu lassen und zu sagen, danke, ich schaue nur. Was die konservative Kulturkritik an der modernen Großstadt kritisierte, Anonymität, Kälte, Bindungslosigkeit, am Warenhaus wird es wie an einer Allegorie kenntlich. Im Licht dieser Kulturkritik erscheint das schön gegliederte, kunstvoll ausgeleuchtete Himmelreich dann doch wie Piranesis Carceri – und träumerisch gelangt man zu Walter Benjamins Forschungen über die Pariser Passagen des 19. Jahrhunderts, in denen die Warenwelt des Kapitalismus theologisch-materialistisch als Hölle dechiffriert werden sollte . . .

Mit alledem war aber noch nicht die Rationalität des großen Kaufhauses gemeint, die betriebswirtschaftliche und ökonomische Vernunft, die verschiedene Sparten des Einzelhandels zu einem Universalsortiment zusammenfasst, dem sich schließlich sogar Dienstleistungen anschlossen, der Frisiersalon, das Reisebüro. Wer als Kind das Kaufhaus wie ein Feenschloss zu durchstreifen lernte, organisiert als Erwachsener seine Einkäufe dort mit der Leidenschaft rationaler Lebensführung. „Das ist so praktisch. Alles unter einem Dach.“

Man fährt mit dem Auto ins Parkhaus und arbeitet sukzessive den Einkaufszettel ab, auf dem sich der aktuelle Bedarf niedergeschlagen hatte. In den Sechzigern und Siebzigern durch Hegel philosophisch aufgeklärt, möchte der Käufer das Warenhaus für eine von der Geschichte vollendete Form halten – so wie den modernen Staat oder die autonome Kunst. Keine bessere Form der Versorgung ist denkbar. Schließlich hatte sogar der Sozialismus das Warenhaus als diese endgültige Form anerkannt und ihr mit dem GUM in Moskau eine Palasthaftigkeit verliehen, die Printemps und Bloomingdale’s dramatisch übertrumpfte – dass im Innern schwerer Mangel herrschte, zählte zu den Akzidentien, die der vollendete Sozialismus irgendwann beseitigt hätte.

Doch an der betriebswirtschaftlichen und ökonomischen Rationalität des Warenhauses als Universalsortiment scheint es seit längerem zu hapern. Der Flaneur beobachtete die Wiederkehr des Einzelgeschäfts in Gestalt der Boutiquen – für Ralph Lauren ebenso wie für Veuve Clicquot – er hörte was vom FranchiseSystem, das das schöne Kollektivwesen Warenhaus mittels Individualisierung anbohrt und zersetzt.

Und dann die Malls, in der Mitte der Stadt ebenso wie an ihren Rändern, Boutiquen-Systeme, die Ketten repräsentieren, Wöhrl, McPaper, Schlecker, Leckerback – Pseudoindividualisierung! mault der Kulturkritiker. In einer allegorisch noch gar nicht fassbaren Erfolgsgeschichte scheint sich Benjamins Obsession in zahllosen Neubauten auszugeben, Atrium, Arcaden, Center. „Walter Benjamins Passagenwerk“, spottet unsere Freundin, „in Erlangen ebenso wie in Strausberg und im Alexa am Alexanderplatz, das ihr alle so hasst.“

Meine erste Mall sah ich vor 20 Jahren am Rand von St. Catherine’s, einer kleinen Stadt in Kanada. Außen ein unansehnliches System von Lagerhallen, entwickelte die Mall im Innern doch rasch ihre labyrinthisch-libidinösen Qualitäten. Zu den Angeboten der Boutiquen kamen die – wie soll man sagen: von Gauklern hinzu.

Einer von ihnen verführte den Flaneur, indem er ihm seine Löwin vorstellte. Man sollte sich auf einen Sessel setzen, das Raubtier lagerte quer über dem Schoß, und der Gaukler schoss ein Polaroidfoto der Szene, das zu erwerben war. Klar, besorgte Leute hatten längst die Polizei und den Tierarzt alarmiert, ob unerlaubterweise Betäubungsmittel die schöne Löwin so gefügig machten. Kein Befund. So lagerte für einen Augenblick das schwere, warme, stille Tier auf dem Flaneur – als wären wir buchstäblich im Paradies.

Michael Rutschky lebt als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschien von ihm „Wie wir Amerikaner wurden“ (Ullstein).

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