Kultur : Kecke Hüftschwünge

JÖRG KÖNIGSDORF

Ein Konzert des Berliner Sinfonie-Orchesters mit Gianluigi GelmettiVON JÖRG KÖNIGSDORFWer Gianluigi Gelmetti erleben will, muß ihn sehen.Das Anhören des bloßen Klangergebnisses reicht im Falle des italienischen Dirigenten nicht, das Hauptereignis des Abends ist die Art und Weise, mit der Gelmetti Klangfarben und Phrasierungsbögen aus den BSO-Musikern zieht.Mit einer pantomimischen Eindringlichkeit, die an Dirigierstudien des alten Brahms erinnert, bringt er im Schauspielhaus seine ganze beträchtliche Körperfülle zur Geltung.Wo andere sich um korrekte Schlagtechnik bemühen, stülpt Gelmetti den Bauch vor, läßt die Schultern hängen oder wagt kecke Hüftschwünge.Und übt so auf das Orchester eine nachhaltige Suggestionskraft aus, animiert in Ravels "Tombeau de Couperin" die Holzbläser zu spielerischer Leichtigkeit, realisiert in den Streichern ein bewundernswert duftiges, facettenreich schimmerndes Klangbild. Das BSO folgt Gelmetti bereitwillig, kann jedoch nicht alle Klippen des rein französischen Programms umschiffen.Die Nervosität des Soloflötisten macht schon den atmosphärischen Zauber von Debussys "Vorspiel zum Nachmittag eines Fauns" weitgehend zunichte: Das Bild vom entspannt sich räkelnden bocksbeinigen Naturwesen mag sich angesichts der heftigen Aspirationsgeräusche und des unebenen, mal zu stark vibrierenden, mal belegten Tons nicht einstellen.Auch im "Tombeau" und der Ravel- "Pavane" wirkt der Flötenton wie ein Haar in der Suppe, im "Bolero" zeigen angesichts der gemein freiliegenden Soli gleich mehrere Pulte Nerven.Als Raritäten-Leckerbissen hatte man diesem Greatest-Hits-Programm Darius Milhauds zweites Cellokonzert beigefügt, doch weder Gelmetti noch sein Solist Mario Brunello trafen hier den rechten Tonfall augenzwinkernder Selbstironie.Zur Herstellung der heiklen Balance zwischen neoklassischer Eleganz und ordinärer Protzigkeit hätte es einen frecher auftrumpfenden Cellisten gebraucht, Brunellos hochkultiviertes, betont kunstvoll phrasierendes Spiel konnte da nur eine Seite der Medaille verwirklichen.

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