Kultur : Kefir für Taiwan - Kerstin Hensels Stück am Greifswalder Theater uraufgeführt

Hartmut Krug

Eine ganz normale ostdeutsche Familie zehn Jahre nach der Wende: Der Vater ist arbeitslos, die Oma lebt in verwirrten Kriegserinnerungen, die 13-jährige Tochter plant eine Schönheitsoperation, um Model zu werden, und der Philosophie studierende Sohn gräbt sich verzweifelt hinab in die Erde, hinein in eine Art Überlebenskammer. In Kerstin Hensels Stück "Müllers Kuh Müllers Kinder" begibt sich der Intellektuelle freiwillig seiner Wahrnehmungsmöglichkeiten und mutiert zu einer Art blind denkendem Grottenolm.

Es ist vor allem diese Art grotesken Humors, der aus Kerstin Hensels vom Plot her eher platt erscheinender Gegenwartskomödie ein mehrschichtiges Theaterstück macht. Sie zeigt uns alltägliche Spießer in ihrem Kampf mit der neuen Zeit. Was wir zu sehen bekommen, sind keine psychologisch begründeten Haltungen und keine genau geschilderten Handlungen, sondern nur statische Erklärszenen mit kurzem epischem Atem, aber mit viel philosophischem Antrieb. Im "Theater im Penguin", einer kleinen Spielstätte des Theaters Greifswald, das nach der Wende mit Stralsund zum Theater Vorpommern zwangsfusioniert wurde, sitzt das Publikum bei der Uraufführung eng an der Spielfläche. Es bekommt eine niedliche Kuh und eine in ihrer Alltäglichkeit grotesk ausgestellte Familie zu sehen.

Die Oma, gespielt von einem Mann, kocht oder schnarcht. Die Tochter lässt sich zur Asiatin umoperieren, was sie sowohl zur Sex- wie zur Arbeitssklavin werden lässt. Und der Vater wird von einem Bankvertreter zur privaten Existenzgründung verführt: Müller-Kefir für Taiwan. Verführt werden sie alle, etwas oder sich "anzulegen". Denn der Herr mit der Feder am Barett kommt nicht nur von der Kommherzbank (wobei das H in Kommherzbank für den Stück typischen Witz der Autorin steht, die aus einem Gesichtschirurgen auch mal einen Geschichtschirurgen macht), nein, er kommt aus Goethes Faust: "Hier ist der Ort wo ich ins Volle fasse./ Die haben nichts und Dieses will ich haben, und dann, die Nichts besitzen, will auf die/ ich hetzten, die nur ein Garnichts kennen,/ Diese wiederum vermachten mir das absolute/ Nichts, das Reine, was nur/ Wille ist, zu bleiben."

Hensels Text steht immer unter dem Druck des Willens zum Gleichnis, zur Anspielung, zur doppelten Eindeutigkeit. Das macht ihn holprig und trotz seines komödiantischen Tons recht schwerfällig. Regisseur Kai Festersen versucht dem Problem mit mäßigem Erfolg auszuweichen, indem er die Handlung in leicht bewegten grotesken Bildern ausstellt. Vom anfänglichen Wohlstand, vom Golfspiel in Taiwan unter der Sonne von Capri und dem Mond von Soho, geht die Erfahrungsreise über den Konkurs bis zur Teilnahme an einer Fernsehshow. Erst da merkt die Mutter, dass ihr nicht nur die Kinder, sondern sogar die Erinnerung an deren Existenz abhanden gekommen sind.

Die Schauspieler der ambitionierten Greifswalder Uraufführung versuchen sich in einem lockeren Spiel, das glücklicherweise nie klamottig ausufert, das aber leider auch nicht zu einer überzeugenden oder auch nur interessanten neuen Form findet. Was wir sehen, ist Theater als Vordenkspiel, als literarische Bastelei.

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