Kultur : Kein ferner Land

Familienfeiern können grausam sein, besonders in Bayern: „Hierankl“, der erste lange Spielfilm von Hans Steinbichler

Julian Hanich

Am Ende, als hinter der Lüge die böse Wahrheit erkennbar wird, liegt Lene im nassen Dreck. Zusammengekauert wie ein Embryo. Auf ihrer Reise in die Heimat war sie den Tücken der Vergangenheit begegnet. Der Schritt zurück: einer in die falsche Richtung.

Am Anfang steht Lene (Johanna Wokalek) am Münchner Hauptbahnhof und entscheidet spontan, nach Hierankl zu fahren, in das dunkle Familiengehöft in den bayerischen Bergen. Jahrelang war sie nicht zu Hause gewesen. Und das war wahrscheinlich richtig so. Denn als Lene, die Anfang dreißig ist, ankommt, ist alles wie damals, als sie die Familie verlassen hatte und nach Berlin abgehauen war. Das Kinderzimmer. Die Auseinandersetzungen der Eltern. Und die Landschaft! „Wie schön das hier ist“, sagt Lene. Ja, wie schön. Und wie trügerisch.

Dieses Alpenland: so oft geknipst, gemalt, gefilmt, so oft als Postkarte verschickt oder als Softporno-Hintergrund durch das Nachtprogramm der Privatsender gejagt – was für eine verbrannte Erde. Doch in „Hierankl“ ist es wieder ganz neu. Und man versteht, warum Kandinsky und Gabriele Münter in Südbayern ihre künstlerische Heimat fanden. Und kann sich plötzlich sogar vorstellen, dass eine deutsche Landschaft im Kino irgendwann wieder vertrauter sein könnte als Los Angeles County.

Doch der Film blickt nicht nur in die Ferne der Gebirgsnatur. Er wagt sich auch in die physiognomische Landschaft seiner Darsteller, an die Körper, an ihre Gesichter. Einmal zeigt Regisseur Hans Steinbichler, der „Hierankl“ als Abschlussfilm für die Münchner Filmhochschule gedreht hat, einen Liebesakt im Wald: eine erotische Szene, die beinahe einen Schock auslöst, weil man Lust und nacktes Fleisch im deutschen Kino gar nicht mehr erwartet. Ein anderes Mal ist die Kamera bei einem Abendessen mit den sechs Hauptfiguren zugegen. Die Sequenz, die mehrere Minuten dauert und nur aus Close-ups und Nahaufnahmen besteht, wirkt wie ein Rundgang durch eine Porträtgalerie markanter Charaktere.

Dazu gehört der wuchtige Sepp Bierbichler als Familienoberhaupt Lukas, der sich heimlich eine junge Geliebte hält. Dazu gehört Barbara Sukowa als Gattin Rosemarie, der das Schicksal Linien ins Gesicht gezogen hat und die mit dem besten Freund ihres Sohnes eine Affäre pflegt. Und dazu gehört auch Peter Simonischek, der als unerwarteter Gast die Geister der Vergangenheit wachruft und damit das Drama in Gang bringt. Die Figuren sprechen nicht viel in diesem Film – dafür sind ihre Gesichter umso beredter.

Los geht der Film an einem Freitag, am Sonntag, Lukas’ 60. Geburtstag, ist alles zu Ende. „Wir alle fallen“, zitiert Lukas einmal aus einem Gedicht von Rilke. „Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.“ Diesen Einen verwehrt uns der Film. Familienfeiern, das wissen wir seit Thomas Vinterbergs „Das Fest“, können eine grausame Sache sein. Manchmal sind sie der letzte nasse Dreck.

Broadway, Filmtheater am Friedrichshain, Passage

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