Kultur : Kein Geld, keine Ahnung, keine Zeit

Wie zwei unbekannte Serienschauspieler mit der Moral-Komödie „Muxmäuschenstill“ das Kino erobern

Kai Müller

Was würden wir von jemandem halten, der uns zur Tugendhaftigkeit bekehren will? Von einem wie Mux, dessen Mission es ist, Falschparkern, Kaufhausdieben, Graffiti- Sprayern und anderen Gewohnheitskriminellen nachzustellen, weil sich das Schicksal der Welt schon in den kleinen Sünden des Alltags entscheidet. Nicht wahr, wir würden diesen Westentaschen-Sheriff für einen Faschisten halten? Mindestens. Obwohl er ja Recht hat: „Ich bin kein Held, weil jedes Land die Helden hat, die es verdient. Michael Schumacher ist ein Held, weil er schnell um die Kurven fahren kann und keine Steuern bezahlt.“

Mux ist nur ein Filmheld, aber er könnte auch echt sein, so rabiat setzt „Muxmäuschenstill“ die Geschichte des Weltverbesserers in Szene, der vom Einmann-Unternehmen zum Benimm-Guru aufsteigt und doch an der unglücklichen Liebe zu einem Mädchen vom Lande scheitert. Beim Max- Ophüls-Filmfest in Saarbrücken war dieses Kinodebüt von zwei bislang unauffälligen Serienschauspielern die Sensation und räumte vier Preise ab (siehe Tagesspiegel vom 3. Februar). Leander Haussmann soll als Jury-Vorsitzender aus dem Saal gestürmt sein, so eilig hatte er es, die Macher dieser nur 40000 Euro teuren Off-Produktion kennenzulernen. So sind denn Regisseur Marcus Mittermeier und sein Hauptdarsteller und Drehbuchautor Jan Henrik Stahlberg auch etwas verwirrt über den Erfolg, den ihr Erstlingswerk plötzlich hat.

„Wir hatten immer die Sorge“, gesteht Stahlberg, „eine Komödie zu drehen. Doch jetzt ist daraus das Gegenteil geworden.“ Stahlberg scheint auch privat sein Kunstgeschöpf noch zu verkörpern. Zumindest äußerlich. Er trägt denselben dunklen Anzug wie auf der Leinwand, der Kragenknopf seines Hemdes ist zugeknöpft. Ein nice guy. Gewalt deprimiert ihn. Eigentlich sei er zart beseitet, sagt Stahlberg, umso mehr habe ihn erschreckt, „wie krank Mux rüberkommt“.

Tatsächlich ist Mux ein Psychopath, ein idealistischer Terrorist. „Es geht um einen Menschen“, erklärt Stahlberg, „der sich traut, eine Haltung zu haben, und für eine Idee von Gemeinsinn eintritt die politisch weder rechts noch links ist.“ Doch erinnert seine korrekte Jovialität, mit der er Autoraser zur Raison ruft, Kinderschänder im Hotel überrascht und Wiederholungstäter mit dem Gesicht in Hundescheiße drückt („du bist Gift für meine Statistik“), an so diabolische Amokläufer wie Travis Bickle („Taxi Driver“) oder Ethan Edwards („Der schwarze Falke“). Sein Streben nach moralischer Integrität ist so größenwahnsinnig wie vertraut. „Ich bin Teil einer Gesellschaft“, beginnt Mux sein Video-Manifest, „in der wir unsere Ideale verloren haben. Und dafür bin ich da: beim ersten Schritt zu helfen, dass die Menschen die Kraft wiederfinden, für ihr Verhalten Verantwortung zu übernehmen.“

Wie sehr Mux mit solchen Versprechen dem wachsenden Bedürfnis nach moralischen Maßstäbe entspricht, erleben die beiden Filmemacher derzeit allerorten. Immer wieder erkundigen sich Leute, die den Film für eine Dokumentation halten, wo sie denn mitmachen könnten. Dabei demonstriert ihr sarkastisches Episodenwerk zugleich, wie pervers es wäre, wenn der „Muxismus“ (Stahlberg) sich durchsetzen würden.

Es ist selten, dass sich ein solcher Film unbemerkt von Förderanstalten und Fernsehredaktionen einen Weg ins Kino bahnt. Und das ist seine größte Stärke. Denn Stahlberg und sein Studienfreund Mittermeier hatten nicht die geringste Ahnung, wie man einen Film normalerweise macht. Amüsiert erzählt der 34-jährige Regiedebütant, dessen Vita bislang TV-Serien wie „Samt und Seide“, „Küstenwache“ und „Rosenheimcops“ umfasst, wie man ihm gesagt habe, was man als Filmemacher berücksichtigen müsse. Unter anderem sollte er sich hüten, einen Schimmel zu drehen.

Er hat sich nicht daran gehalten, und es ist ein Glücksfall, dass der überwiegend in Berlin gedrehte Film überhaupt je fertig wurde. Wie ein Dokumentarfilm-Team streiften Mittermeier & Co an 25 Drehtagen durch die Stadt. Es musste schnell gehen und billig sein. „Ich wollte so nah wie möglich an den Personen bleiben. Und wenn der Kameramann mal nicht alles mitbekam, war das nur umso besser“, erzählt Mittermeier. „Wir konnten mit dem Drehen nicht warten, bis die Laienschauspieler geschminkt waren, weil sie sonst keine Lust mehr hatten.“ Nachdem Produzent Martin Lehwald von Schiwago Film ihnen das Okay gegeben hatte, blieben nur drei Monate Vorbereitungszeit. Doch auf Mittermeier, der das schwerfällige TV-Geschäft gewohnt war, wirkte das wie eine Befreiung. Und ein Rausch ist der Film geblieben. Er sei viel zu kurz geschnitten fürs Kino, gesteht der gebürtige Niederbayer, wie ein Videoclip. Bevor man eine Szene richtig begreifen könne, sei sie auch schon vorüber.

So ist „Muxmäuschenstill“ das Produkt von zwei Naiven, die nicht mal vorhatten, alles ganz anders zu machen. Sie wollten nur den Zeitgeist einfangen. Hätten sie mit dem Drehbuch öffentliche Fördergelder beantragen müssen, wäre dieser Ansatz, der sich zu einem guten Teil aus der Erregung über Politiker wie Roland Koch speist, vermutlich zerredet und zwischen den Gremien zerrieben worden.

Mittermeier und Stahlberg kennen sich, seit sie gemeinsam in München auf der Schauspielschule waren. Beide zog es zunächst zum Theater, bevor sie als Allerweltsgesichter im Vorabendprogramm untertauchten. Stahlberg erlebte mit „CityExpress“ 1999 ein kleines Fiasko. Mit „Westend“ (2001), „Science Fiction“ (2003) und „Mädchen, Mädchen II“ hat er immerhin schon ein paar Mal fürs Kino gearbeitet, ohne sonderlich aufzufallen. So lebt denn sein Auftritt als Mux von einer irritierenden Unschärfe. Zum Beispiel, wenn Mux einen Familienvater, der gerade seine beiden Kinder und die Ehefrau hingemordet hat, zur Rede stellt. Demonstrativ legt er seine Waffe auf den Tisch, die der verwzeifelte Mann natürlich ergreift, um sich selbst auch noch umzubringen. „Sehen Sie“, ruft Mux entgeistert, „das macht mich rasend. Ich versuche mit Ihnen zu sprechen und Sie machen hier einen auf Notausgang.“

Den Schimmel haben sie übrigens auch gedreht. Er lief ihnen in der Nähe von Rom samt Reiter praktisch vor die Kamera. Was herrlich aussah. An der nächsten Kreuzung wurden sie von der Polizei gestoppt und beinahe verhaftet. Sie hatten das Anwesen von Staatspräsident Ciampi gefilmt.

„Muxmäuschenstill“ läuft heute um 16 Uhr (Cinemax 6) und 20 Uhr (Cinemax 1), sowie am 15. Februar um 20 Uhr (Cinemax 1).

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