Kultur : Kein Haydn-Spaß

ECKART SCHWINGER

Der zutiefst menschliche Ton des letzten Haydn-Oratoriums, der aufgeräumt und herzlich ist und den Ernst nie ganz ausspart, kam an diesem Abend nicht zu kurz.Eine auf den Zehen dahinschleichende Wiedergabe wäre der Volkstümlichkeit, Farbigkeit und Bilderfülle der Haydnschen "Jahreszeiten" auch abträglich.Wolfgang Sawallisch, der erfahrene Operndirigent, der stets zu schaubarer Intensität tendiert, erlag in keinem Augenblick dynamischer Duckmäuserei oder auch einer übertriebenen klangmalerischen Ausdeutung.Er bot eine straffe, plastisch durchgeformte Aufführung der "Jahreszeiten" mit dem Berliner Philharmonischen Orchester und dem RIAS-Kammerchor (Michael Gläser).Mit Überlegenheit und Kontrastfreude setzte er auf die weite Ausdruckswelt dieser schlichten und dennoch so genialisch einfallsreichen Musik.Die musikantisch-drastische Musizierhaltung und Steigerungskraft verfehlten dann auch beim Weinchor, der Gewitterszene oder beim Terzett und Doppelchor "Dann bricht der große Morgen an!" ihre Wirkung nicht.

Dennoch war es nicht eine von A bis Z inspirierende und an Überraschungsmomenten reiche, sondern bisweilen von Edelroutine getragene Wiedergabe mit Durchhängern.Zuweilen dirigierte Sawallisch zu gediegen, zu stämmig, was im "Herbst" beim "gellenden Hörner Schall" der vier allzu vierschrötig loslegenden Hornisten deutlich zu vernehmen war.Nein, ein Zug zum Außergewöhnlichen, wie ihn heutzutage Harnoncourt oder Norrington auf so spannungsvoll subtile Weise an den Tag legen, war nicht zu bemerken.Da hätte wohl auch von den Philharmonikern mehr Schliff, Spielwitz und Transparenz gefordert werden müssen.Von einem Haydn-Swing der Spitzenklasse à la Simon Rattle kann keine Rede sein.Zu alledem wurde leider auch der RIAS-Kammerchor von Sawallisch, der letztlich auf den alten, großen Oratorienstil und Sound setzt, bisweilen zu sehr forciert, so daß er nicht immer mit seinem ureigenen, biegsam schönen und nuancierungsfähigen Klangstil zum Zuge kam.Insgesamt war es der Abend des René Pape.Er bescherte mit seinem sonoren Baß, seiner deklamatorischen Brillanz und Artikulationsschärfe die herausragende Leistung.Er sang seinen Haydn mit so tiefer Empfindsamkeit wie brausender Stimmkraft.Da konnten weder Herbert Lippert, der zu wenig tenorale Leuchtkraft und gestalterische Initiative aufbrachte, noch die eigentlich für Haydn prädestinierte und durch Solti bekannt gewordene Ruth Ziesak mithalten.So agil, aufgeweckt und bisweilen kess sie auch sang, an diesem Abend verströmte sie nicht durchweg lyrischen Sopranzauber in Reinkultur.Ein großer Haydn-Spaß war das Ganze nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar