Kultur : Kein Laut zuviel

Nachrichten vom Leonce-und-Lena-Preis: Warum Lyriker die besseren Autoren sind, und wovon Juroren „rote Wangen“ kriegen

Katrin Hillgruber

Die Poesie als die freieste und zugleich strengste literarische Disziplin ist im kulturellen Humus wie ein verborgenes, genügsames Wurzelgeflecht verbreitet. Nur manchmal kommt es zu unerwarteten Verdichtungen, zu geografisch bestimmbaren Knotenpunkten, die dann schnell das Gerücht einer neuen „Schule“ entstehen lassen. Solch ein Ort der vegetativen Kumulation kann neben Sachsen, Köln und in letzter Zeit vermehrt Berlin etwa die rheinische Museumsinsel Hombroich sein. In stiller Auenlandschaft waltet dort der „stationäre“ Lyriker Thomas Kling dezidiert seines Amtes.

Nicht nur, dass beim Leonce-und-Lena-Wettbewerb 2001 die von ihm geförderte Sabine Scho mit Silke Scheuermann den Hauptpreis erhielt, Kling damals als Ehrengast las und nun die Laudatio auf den Ehrengast des Jahres 2003, Oskar Pastior, hielt. Mit der 1973 geborenen Slawistin Anja Utler setzte sich beim diesjährigen Wettbewerb eine junge Frau durch, deren poetische Lehrjahre eine „Fellowship Literatur“ im Vers- und Pflanzenreich zu Hombroich einschließen.

Poetische Gartenschau

Der seit 1979 von der Stadt gestiftete und alle zwei Jahre abgehaltene Leonce-und-Lena-Preis in Höhe von 8000 Euro stellt als wichtigster Nachwuchswettbewerb eine aufschlussreiche, von der öffentlichen Aufmerksamkeit leider oft vernachlässigte lyrische Bundesgartenschau dar. Über das erwachende Selbstbewusstsein der Gattung freute sich nicht nur Wilfried F. Schoeller als unerschütterlich souveräner Moderator. Die erstaunliche qualitative Dichte dieses Jahrgangs schlug sich einem Andrang von 19 Finalistinnen und Finalisten (aus 528 Bewerbungen) nieder, dem sich die Jury zu stellen hatte.

Ihr gehörten die Darmstädter Doyenne Sibylle Cramer und Iso Camartin als Repräsentant romanischer „clarté“ an, außerdem von der „Lyrikerfraktion“ Brigitte Oleschinski und die früheren Preisträger Kurt Drawert und Raoul Schrott. Während Schrott die poetische Tradition seit der Antike lässig schultert und sich für sprachlich gut gefügte Gedichte so spontan und mitreißend begeistern kann, dass er „rote Wangen“ kriegt, suchten seine Mitstreiter vor allem nach originellen, welthaltigen Ansätzen, die den engen Raum betulicher Privatheit fliehen.

Hier machte sich nicht zuletzt der Einfluss der permissiven Slam Poetry negativ bemerkbar: Die Bekenntnisse aus der Erfahrungswelt einer jungen Teilnehmerin wie Eva Simon (Jahrgang 1978) bleiben trotz auffallender Formulierungen wie „grün in der Dehnung“ weitgehend im Bereich des Tagebuchs, in einer „Form vor der Form“. Der Grenzwert von Subjektivität müsse aber repräsentativ sein, um zu einer lyrischen Verdichtung zu taugen, so Kurt Drawert in einem seiner exakt geerdeten Urteile.

Selbst formale Artisten wie Jan Wagner und Hendrik Rost wurden der Harmlosigkeit geziehen; Wagners Gedicht über die Französische Revolution endet vorausschauend: „ein falsches wort, ein laut zuviel nur, und der beifall rauscht / als Fallbeil herab“.

Aber auch der Gegentrend, weg von der oft unergiebigen Privatheit, enttäuschte mitunter. Nicolai Kobus aus Hamburg überhob sich an einem überambitionierten Zyklus mit Anrufungen Ezra Pounds. Ron Winkler verharrte bei seinen an sich mutigen Gedichten über historische Persönlichkeiten wie Martin Luther schließlich doch schüchtern in der lexikalischen Stoffmasse. Mittlerweile muss jede noch so kurze DDR-Biografie als Ausweis künstlerischer Authentizität herhalten. Graugetönte Jugendgedichte aus östlichen Gefilden, in denen Gagarin angerufen wird, erklangen im fernen Darmstadt. Ausflüge ins frühere Königsberg und slawische Einsprengsel sind in Mode, aber nur selten gelingt so dezent und daher elegant die Verschränkung von Biografie und DDR-Hintergrund wie in Björn Kuhligks „Leuchtturm Kägsdorf“: „wir standen kurz geblendet / wir werden nicht schwimmen / wir bleiben hier“.

Körper als „Depots der Geschichte“ und polnische Epiphanien tauchen vereinzelt bei der 1969 in Essen geborenen, in Berlin lebenden Marion Poschmann auf. Mit „Baden bei Gewitter“ debütierte sie 2002 als Prosaautorin. Ihre klaren und zugleich geheimnisvollen Gedichte, die den Reim-Anklang als „archäologisches Erlebnis“ (Schrott) nicht scheuen, reihen in dichter Folge Bilder aneinander, bis sie sich in einer Art lichtem Impressionismus wieder auflösen. Dennoch bleibt der Mensch sichtbar, während sich die Erzählerinstanz bei Nico Bleutge, der wie Poschmann den Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis (je 4000 Euro) erhielt, weitgehend zurückgezogen hat.

Der 30-Jährige aus Tübingen, bereits beim Open Mike 2001 in der Sparte Lyrik erfolgreich, ist ein Eidetiker, ein selten konsequenter Augenmensch. Er entwickelte ein optisches Programm namens „konturen“. Dessen Koordinaten erstrecken sich „von der braue ans ohr“ und erreichen gerade durch diese Konzentration Welthaltigkeit: die Welt als versehrte, vom Menschen verlassene Natur. „dann wieder zäune / die den sand halten staub eukalyptusbäume / der tag liegt schlaff zwischen den hügeln / darüber die sonne, ruhig, ein heller fleck / im bild der landschaft, irgendwo dahinter / tickt das meer“.Sibylle Cramer sprach von einer „Renovierung des Landschaftsgedichts“.

Kunst des Doppelpunkts

Zur Poesie als uneigentlichem Sehen – und Hören – kehrt ebenfalls die Leonce-und-Lena-Preisträgerin Anja Utler zurück. Ihr fesselnder Vortrag entwarf ein noch radikaleres Programm als Bleutge, eine sprachspielerische, konsonantenwirbelnde Rückkehr ins Vegetative und erstaunliche Anrufung der Seherin Sibylle von Cumae, angelehnt an Marina Zwetajewa: „sibylle – gedicht in acht silben“ heißt das ungewöhnlichste Poem des Wettbewerbs: „hat die: körner berührt, bloßen augs: bloßen munds ist ent-/ zunden, sibylle, sie schaudert, glüht: sand sengt die kuppen die / finger die zunge schlägt funken im körper: loht auf / sie: taumelt, sibylle, verfallen dem: rinnenden sand stürzt sie, strömt / – myriaden von poren – durchweht sie durchzuckt sie die sonne – wird: / sonnensturm – murmelt sie spuckt, weiß: sie senkt sich nicht mehr"

So schlug die Stunde der Seherinnen und Sehenden, die die Kunst des Doppelpunkts und des exakten Blicks in ihr Recht setzen: lyrische Grundlagenforschung par excellence.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben