Kultur : Kein Machtwort

CHRISTIAN MEIER

Da der Prozeß der Entscheidung über das "Holocaust-Denkmal" nun zu Ende zu gehen scheint, drängt es sich auf, noch einmal zurückzublicken: Warum war er so schwierig? Warum hat er sich so quälend lange hingezogen? Warum wird sein Ergebnis, wie immer es ausfällt, so unbefriedigend sein?

Nach Alfred Herrhausens treffendem Satz geht "die meiste Zeit ...dadurch verloren, daß man nicht zu Ende denkt".Offenkundig war das im Fall des Denkmals von der Sache her außerordentlich schwierig.Schließlich war und ist das Vorhaben unerhört: Ein Volk bekennt sich nicht nur in Worten, sondern durch ein großes, vielleicht gar übergroßes Monument, mitten in seiner Hauptstadt zu einem einzigartigen Verbrechen, das es zu verantworten hat.Denn darum geht es doch, das Denkmal kann nicht nur den ermordeten Juden, sondern es muß auch dem Mord an den Juden gewidmet sein.Es dürfen an dieser Stelle auch die Täter nicht verschwiegen werden; und ihre Untaten.

Neben Scham, Reue, Trauer muß die Anklage stehen, die Selbstanklage, wenn wir denn nicht mit unseren Vorfahren den neuerdings modisch werdenden "eliminatorischen" Umgang pflegen, sondern im deutschen Namen ein solches Denkmal bauen wollen.Es muß, so sehr uns die Bereitschaft dazu ehrt, ein Schandmal sein.Wobei man zumindest nicht zu laut werden darf.

Während die Neue Wache mit ihrer Pietà und der Inschrift "Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft" das Verbrechen Auschwitz vertuscht (auch indem sie Soldaten, die gemordet haben, sofern sie nur später dem Krieg zum Opfer fielen, mit ihren Opfern zusammenrührt), muß hier das Gegenteil geschehen: Das Verbrechen muß unverhüllt herausgestellt werden.Der häufig gehörte Einwand, wonach das Denkmal in Wirklichkeit das Gedenken zur Ruhe bringen solle, zieht schon deswegen nicht, weil diese Vergangenheit nicht aufhören wird, uns und große Teile der Welt zu beunruhigen; mit oder ohne Denkmal, das macht keinen Unterschied.

Ob ein solches Vorhaben überhaupt realisierbar ist, ist die Frage.Man kann mit guten Gründen dafür und dagegen plädieren.Viel spricht dafür, daß es notwendig ist, vieles aber auch dafür, daß es vermessen wäre, nicht nur das ungeheure Verbrechen symbolisch erinnern, sondern vor allem auch die eigene Verantwortung dafür mit der eigenen Trauer monumental zusammenbringen zu wollen.Worte kann man zurücknehmen, wo sie unzulänglich sind, und neue suchen.Ein Denkmal läßt sich nicht abräumen; es kann auch kein Gras darüber wachsen.

Um zu wiederholen: Was ein solches Vorhaben bedeutet und wie es zu verwirklichen ist, kann schon von der Sache her so leicht nicht zu Ende gedacht werden.Doch ist auch das Verfahren, so weit man sehen kann, dafür nicht gerade geeignet gewesen.Schließlich hätte dazu gehört, daß man die Frage richtig gestellt und daß man ihre Beantwortung umsichtig vorangetrieben hätte, das heißt in der Absicht, die nötigen Argumente nicht nur vorbringen zu lassen (und, gegebenenfalls, zu ertragen), sondern auch zu prüfen, zu wägen und Konsequenzen daraus zu ziehen; etwa dadurch, daß man die Entscheidungen nicht trifft, bevor man sie zur Kenntnis genommen hat.

Wie weit das geschehen ist, ist für den Uneingeweihten nicht auszumachen.Denn man darf die öffentlichen Debatten nicht mit dem Entscheidungsbildungsprozeß verwechseln, der davon nahezu unabhängig blieb, zumal sie ihm hinterherliefen.

Jedenfalls weist sehr vieles darauf hin, daß in verschiedenen Phasen des Prozesses die Antwort vor der Frage da war.Das gilt natürlich nicht für den privaten Förderkreis, jedoch für die politischen Instanzen, die sich dessen Plan zueigen gemacht haben und auf die es hier ankommt.So wie sich die Dinge darstellen, ist der Plan des Förderkreises von ihnen statt als Anregung und Anstoß gleich als Verpflichtung aufgefaßt worden.Denn es ist nichts darüber verlautet, daß sich etwa der Bundeskanzler oder der Regierende Bürgermeister irgendwann vor der Frage gefunden hätten, ob und wie Deutschland der verschiedenen Opfer der Vernichtungspolitik monumental gedenken sollte.

Als man sich gleich und nur darauf festlegte, ein Denkmal nur für die Juden zu bauen, hat man es, allem Anschein nach, nicht deswegen getan, weil man über den gebührenden Umgang mit der deutschen Vergangenheit nachgedacht, sondern genau umgekehrt, weil man dies in gehöriger Weise zu tun versäumt hatte: Als der Kanzler in der Neuen Wache einfach das pauschale Gedenken an die zu Opfern gewordenen Täter und Opfer des Bonner Ehrenmals von 1964 fortschrieb - übrigens auch ohne einen Gedanken daran, daß es sich nicht nur um eine "Gewaltherrschaft", sondern um eine auf Genozid angelegte Herrschaft gehandelt hat.

Diese Gestaltung der Neuen Wache stieß, wie man sich erinnern kann, nicht zuletzt bei den Berliner Juden auf erregte Proteste.Daher sah man sich anderen gegenüber zu einer Kompensation verpflichtet, eben dem Holocaustdenkmal.Denn so ist es doch wohl gelaufen.Und weil ein Denkmal ein Grundstück braucht und man nicht kleinlich sein wollte, war auch gleich die nächste Antwort vor der Frage da, das 20 000 Quadratmeter große Grundstück für ein, wie es Walter Jens despektierlich, aber nicht verkehrt genannt hat, Reichsopferfeld.

Damit wiederum waren die nächsten Probleme vorgegeben.Denn das Grundstück erwies sich durch seine enormen Ausmaße als kaum zu bewältigendes Problem.Erst schien es, daß die Aufgabe künstlerisch gar nicht zu bewältigen war, und der Kanzler bog das Schlimmste ab.Dann ergaben sich immerhin respektable Entwürfe, die freilich allesamt keine Antwort auf die Frage geben konnten, wie man ein solches Monument schützen könne; außer man träfe Vorkehrungen, die allzu sehr an die Bewachung eines KZs erinnerten.Daß die Entwürfe umso überzeugender waren, je weniger sie sich spezifisch auf das Thema Auschwitz einließen, sei nur nebenbei bemerkt.

Wie weit die Veränderung des favorisierten Entwurfs von Eisenman, die dieser Tage vorgestellt werden soll, eine befriedigende Lösung bieten kann, ist offen.Aber ob die Einwände gegen die Übergröße des Grundstücks durch eine grüne Einfassung, Anfahrtmöglichkeiten und Parkplätze entkräftet werden, ist doch wohl zweifelhaft.Immerhin ist ein Wald von 2500 - statt 4000 - Stelen immer noch gewaltig und schwer zu schützen.Und das Problem, wie anderer Opfergruppen, etwa der Geisteskranken und der Zigeuner, entsprechend nonumental gedacht werden soll, die keine starken Fürsprecher haben und von denen die letzteren immer noch weithin geringgeschätzt werden, bleibt ungelöst.

Kurz, das Quälende des Entscheidungsprozesses ergibt sich nicht nur aus der ungeheuren Problematik der Sache, sondern auch aus dem Verfahren selbst; aus den zu frühen Festlegungen, die, soweit man bisher sehen kann, immer weiter in eine Sackgasse geführt haben.Bestes Zeichen dafür sind die Stimmen, die jetzt ein "Machtwort" des Kanzlers fordern.Mit Vernunft ist hier anscheinend nichts mehr zu wollen.Es gilt die ja auch sonst in Deutschland bewährte Devise Juvenals: Hoc volo, sic inbeo, sit pro ratione voluntas.(Das will ich, so befehle ich, sei der Wille anstelle der Begründung).

Damit gerät endlich der wohl problematischste Aspekt des ganzen Verfahrens ins Scheinwerferlicht, den man weithin erstaunlicherweise wie selbstverständlich hinzunehmen bereit ist: Wieso ist dieses Denkmal eigentlich Sache der Exekutive? Wenn die Deutschen sich hier zu ihrer Vergangenheit, zumindest zum Mord an den Juden, bekennen sollen, ist dann der Kanzler, zusammen mit dem Regierenden Bürgermeister, dazu berufen, darüber zu verfügen, ob und wie das zu geschehen hat? Natürlich muß sich irgendwer der Sache annehmen, muß sie in Gang bringen, und sei es der Kanzler.Natürlich besteht die Gefahr, daß sie zerredet wird.Und am Ende muß eine Entscheidung stehen.

Aber was einen Sinn nur hat, wenn es, gegebenenfalls, als Bekenntnis der Deutschen monumentalisiert wird, muß das nicht letztlich Sache des Gremiums sein, das dieses Volk nach dem Grundgesetz und vernünftigerweise vertritt, also des Bundestags? Daß er solche Dinge würdig und ohne die üblichen Bruchlinien zwischen den Parteien debattieren kann, hat er gezeigt, zuletzt anläßlich der Wehrmachtsausstellung.Es sollte sich heute, im Unterschied zu den 80er Jahren, auch von selbst verstehen.

Als 1945 der Krieg zu Ende war, sind wir zu der Einsicht gelangt, wir sollten uns demokratisch regieren.Wenn wir jetzt aber vor der Frage stehen, ob und wie wir unserer Untaten und unserer Opfer auch mit einem Monument gedenken sollen, soll monarchisch entschieden werden? Wo liegt die Legitimation dazu?

Das Parlament braucht sich an die problematischen Vorgaben des bisherigen Verfahrens nicht gebunden zu fühlen.Es könnte die Frage in einem Moment zum Gegenstand einer großen Debatte ohne Fraktionszwang machen, in dem der Umzug nach Berlin ansteht.Es könnte die historische Dimension dieses Ereignisses anhand einer konkreten, aber überaus empfindlichen, politisch zentralen Materie öffentlich bewußt machen; könnte repräsentativ für die Gesellschaft und wohlbegründet zu einer achtbaren Entscheidung kommen.

Alle Beteiligten müßten sich auf eine solche Lösung einlassen können.Sie würde keine nennenswerte Verzögerung mit sich bringen.Die Problematik liegt auf dem Tisch.Es kommt nur darauf an, daß etwas Abstand gewonnen wird und daß eine in Hinsicht auf das Ob und Wie ungebundene Instanz die Entscheidung fällt, und zwar die, die ohnehin dafür zuständig ist.

Der Autor ist Historiker, Präsident der Akademie für Sprache und Dichtung und bereitet zur Zeit ein Buch über die Parlamentarische Demokratie vor.

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