Kultur : Kein Mensch ist eine Insel

KLASSIK

Carsten Niemann

Von der Ordensschwester bis zum Lesbenpaar färben dieses Jahr etliche speziell interessierte Hörerinnen das Publikum der Berliner Tage für Alte Musik . „Frauen in der Musikgeschichte oder: ‚Der eitle Wahn der Männer‘“ lautet das Thema des kleinen Festivals mit seinem großen Musikinstrumentenmarkt im Konzerthaus, das heute mit einem Konzert des Ensembles CosMusica in der St.-Hedwigs-Kathedrale zu Ende geht. Das Eröffnungskonzert am Freitag im kleinen Saal des Konzerthauses mit der niederländischen Blockflötistin Marion Verbruggen zeigte allerdings, dass das, was die Rolle von Frauen in der Musikgeschichte spannend macht, sich nicht notwendigerweise auch akustisch mitteilt: So merkt man einer Sonate von Corelli eben nicht an, dass ihr Schöpfer der bedeutenden Mäzenin Christina von Schweden verpflichtet war.

Viel hätte man erst recht über die kryptischen Motti wissen müssen, die das folgende Konzert des italienischen Ensembles La Reverdie in der framzösischen Friedrichstadtkirche mit Musik des Hochmittelalters gliederten. Doch wie auch immer sich die unterschiedlichen Motetten, einstimmigen Gesänge und Tänze zu der mythischen Idee jener „Insel der Frauen“ verhielten, die dem Programm den Namen gab – das Ensemble ließ derlei Fragen vergessen. Denn wie die beiden jungen italienischen Schwesternpaare Caffagni und de’Mircovich mit leicht folkig angerauhtem Gesang lupenrein intonierten, wie in Trance gemeinsam atmeten, dabei immer wieder völlig selbstverständlich und virtuos zu einem reichen Fundus an Instrumenten griffen: das alles dürfte manche Entdeckung unterbewerteter Mäzeninnen und Komponistinnen in den Schatten stellen.

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