Kultur : Kein Pinsel, nirgends

Kazuo Shiraga in der Berliner Galerie Nothelfer

Ulrich Clewing

Es gibt ein Foto, das zeigt Kazuo Shiraga bei der Arbeit. Der Maler vollführt gerade einen Ausfallschritt, steht breitbeinig da wie ein Sumoringer und klammert sich mit beiden Händen an ein Seil, das von der Decke hängt. Seine nackten Füße sind voller Farbe. Vor ihm, oder besser unter ihm, liegt die Leinwand: Darauf sind breite elegante Kurven, weit gezogene Linien, mächtige Kreise zu sehen – eine Eruption der Formen. Die Farbpaste wurde zum Teil derart dick aufgetragen, dass sie wie eine Welle über den Bildträger schwappt, Berge und Täler entstehen lässt; Wirbel wie im Inneren eines tropischen Sturms.

Pinsel sind auf dem Foto nicht zu sehen. Der japanische Pionier des Action-Painting hat nie welche verwendet. Kazuo Shiraga, 1924 in der Kleinstadt Amagasaki geboren, hat seine Bilder stets aus einem besonderen Schwung heraus gemalt – aus dem Hüftschwung, das Malwerkzeug waren seine bloßen Fußballen. Noch als er schon fast siebzig war, entstanden seine Werke auf diese Weise: Die jüngsten der rund 20 Bilder, die in der Berliner Galerie Nothelfer derzeit zu sehen sind, stammen aus dem frühen Neunzigerjahren.

Der überwiegende Teil der Gemälde in der Ausstellung ist allerdings erheblich älter, die meisten sind um 1960 entstanden, für Shiraga eine Zeit höchster Produktivität. Wenige Jahre zuvor hatte er die künstlerische Form gefunden, die er nun zur vollen Blüte trieb. Halb über dem Malgrund schwingend, halb dahinrutschend verteilte er in einer Art kontrollierter Ekstase die von Assistenten ausgeschüttete Farbe mit den Fußsohlen auf dem Leintuch. Die Choreografie überließ Shiraga, Absolvent der Kunsthochschule Kyoto im Fach traditionelle japanische Malerei, so weit wie möglich der Intuition. Sein Vorgehen ist dabei eng an die Anschauungen des Zen-Buddhismus geknüpft: Vor dem Malakt unterzog Shiraga sich ausgiebigen Meditationsübungen.

Auf seinem „heißen Weg zur Abstraktion“ ging es Shiraga in erster Linie um die Darstellung von Energie. Anders als bei Jackson Pollock, der ein paar Jahre zuvor seine ersten „Drippings“ hergestellt hatte, oder den Malern des Informel um Henri Michaux in Paris war es für Shiraga nicht entscheidend, leichte, fast schwebende Kompositionen zu erfinden, in denen sich der Blick in Richtung Unendlichkeit verlieren konnte. Für ihn war Kunst die Materialisierung von Wucht, von diesseitigem, prallem Leben.

Dass es dabei keine Stilentwicklung gibt, ist kein Zeichen zunehmender Erschlaffung, sondern eine der künstlerischen Voraussetzungen. Shiragas Gemälde strahlen eine Kraft aus, wie man ihr in der Malerei dieser Jahre sonst selten begegnet. Im Bild „BB 104“ aus dem Jahr 1961 etwa dominiert der Kontrast von Rot und Schwarz: In breiten Halb- und Viertelkreisen formiert sich das grundverschiedene Farbenpaar auf der gerade mal 80 mal 120 Zentimeter großen Leinwand zu einem infernalischen Duett (55000 Euro). Wie bei fast allen Bildern Shiragas drängt sich dem Betrachter der Eindruck auf, die Linien und Schwünge könnten ein japanisches Schriftzeichen ergeben – aber das tun sie natürlich nicht. So erscheinen sie am Ende ganz nah und ganz weit weg zugleich, wie aus der Sphäre einer unbekannten Hochkultur.

Galerie Nothelfer, Corneliusstraße 3, bis 29. Mai; Dienstag bis Freitag 14.30–18.30 Uhr, Sonnabend 10–14 Uhr.

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