Kultur : Kein schöner Leid

Festtage der Berliner Staatsoper: Andrea Breth und Daniel Barenboim beleben Alban Bergs „Wozzeck“

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Unfassbar. Roman Trekel als Wozzeck (l.) und Florian Hoffmann. Foto: Eventpress Hoensch
Unfassbar. Roman Trekel als Wozzeck (l.) und Florian Hoffmann. Foto: Eventpress HoenschFoto: Eventpress Hoensch

Im April 1921, vor genau 90 Jahren, setzt Alban Berg den Schlussstrich unter seinen „Wozzeck“, die erste rein atonale Oper. Vier Jahre später wird sie an der Berliner Staatsoper uraufgeführt. Ein Meilenstein der Musikgeschichte. 1955 und 1994 wagte man Unter den Linden weitere Inszenierungen des Werks, zur Eröffnung der österlichen Festtage hat sich am Sonnabend nun die Regisseurin Andrea Breth der Vertonung von Georg Büchners Dramenfragment gestellt.

Im Gegensatz zu Arnold Schönbergs Musiktheaterbeiträgen ist der „Wozzeck“ keine Kopfmusik, „nicht die virtuose Anwendung der neuen Errungenschaften auf die längst fragwürdige große Oper, sondern das erste Modell einer Musik des realen Humanismus“, wie es Theodor W. Adorno formuliert hat. Tief empfunden ist das Mitleid des Komponisten mit dem Soldaten Wozzeck, der von der Gesellschaft kujoniert wird, bis er an ihr verzweifelt; verständnisvoll auch die Zeichnung der charakterschwachen Marie, mit der er ein uneheliches Kind hat. Als sie Wozzeck betrügt, ersticht er Marie – die Übersprungshandlung eines Geschundenen, der das Wesen tötet, das ihm am liebsten ist.

Keine Oper, die die traditionelle Tonsprache hinter sich gelassen hat, greift so unmittelbar ans Herz der Zuschauer wie der „Wozzeck“. „So vollkommen ist das Gebilde, dass es vom Hörer nichts anderes verlangt als die angespannte Bereitschaft zu empfangen, was es verschwenderisch schenkt“, schreibt der Berg-Schüler Adorno. „Er soll nicht zurückschrecken vor einer Liebe, die ohne Rücksicht dort die Menschen sucht, wo sie am bedürftigsten sind.“

In Zeiten, als das Abstrakte groß in Mode war, hat sich der Komponist hellsichtig eine naturalistische Inszenierung für sein Sozialdrama gewünscht. Je filmischer das Gossenelend gezeigt wird, desto intensiver wirkt diese Musik, deren ungeheure Komplexität auf nichts anderes zielt, als die Seelenregungen der Figuren möglichst feinnervig nachzuzeichnen, sich „in die Hohlräume der Büchnerschen Worte zu versenken“ (Adorno).

Es muss ja nicht zwingend jene Realität sein, die Georg Büchner 1836 bei der Niederschrift vor Augen hatte – auf keinen Fall aber darf man es so machen wie jetzt Martin Zehetgruber: Ästhetizistisch-aseptisch ist sein Bühnenbild, eine ungegenständliche Spielerei aus Holzlamellenwänden, die sich vielfach raffiniert umbauen lassen, von der engen Zelle bis zum sechseckigen Pavillon. Hochgradig geschmackvoll auch die Kostüme von Silke Willrett und Marc Weeger, Kreationen von schlichter Eleganz in matten Weiß-Grün-Braun-Schattierungen.

„Tanzt nur zu, springt, schwitzt und stinkt!“, ruft Wozzeck im dritten Akt in die wirbelnde Wirtshausmenge hinein. Von der Bühne der Staatsoper aber geht kein Fäulnisgeruch aus, Andrea Breths Personenführung bleibt absolut neutral. In der aufgeräumten Optik bewegen sich grundbiedere Gestalten, bei denen alles Brutale aufgesetzt wirkt: Wenn der Hauptmann (Graham Clark) seine Zigarre in Wozzecks Handfläche ausdrückt, wenn ihm der Doktor (Pavlo Hunka) Bohnenbrei über den Kopf kleckert, wenn auf dem Tanzboden herumkoitiert wird, dann sieht man nur einstudierte Gesten. Am unglaubwürdigsten ist Roman Trekel, ein pumperlgesunder Wozzeck von vorbildlicher Körperbeherrschung, bis zum letzten Ton konzentriert und kontrolliert. Dieser Kerl hat keinen Tick, keinen Haltungsschaden, nichts wird sichtbar von seinen inneren Verletzungen. Ob Nadja Michaels Marie, ob Florian Hoffmanns Andres oder John Daszak im Schaumstoffmuskelkostüm des Tambourmajors – alles Kunstfiguren, Bühnenmenschen, die ihre Arbeit machen.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Hier wird auf allerhöchstem handwerklichem Niveau gearbeitet. Die Solisten bewältigen ihre mörderischen Partien souverän, lautlos vollziehen sich die vielen Szenenwechsel. Eine perfekt abschnurrende Staatstheatermaschinerie. Und doch berührt dieser Abend keine Sekunde lang. Eben weil er Büchners berühmteste Behauptung nicht einlöst: dass der Mensch ein Abgrund sei.

Auch Daniel Barenboim, der heißblütige Klangzauberer, der Regungenmacher, bleibt mit seiner Staatskapelle an diesem Abend nur professionell. Herb, kühl wirkt der Orchesterklang, abstrakt statt expressionistisch, eine in scharfkantige Geometrie aufgelöste Musik, deren emotionale Kraft kaum je aufblitzt, jene Fähigkeit zum leidenden, leidenschaftlichen Singen, zu süßem Weltschmerz à la Gustav Mahler, ja selbst zu Anflügen von puccineskem Parfum.

Büchners schrecklichste Szene ist die letzte, in der die Nachbarkinder Maries Jungen „Du! Deine Mutter ist tot“ ins Gesicht schreien, so brutal, wie das nur unschuldige Seelen können. „Drauß’ liegt sie am Weg, neben dem Teich. Komm, anschaun!“ Andrea Breth flüchtet vor dieser Konfrontation, lässt den Kinderchor nur wenige Töne aus dem Off singen und delegiert dann allen weiteren Text an den toten Wozzeck, der plötzlich wieder bühnenmittig im hübschen Holzpavillon liegt. Unbewegt und unbeteiligt hört der Knabe die Worte an. „Hopp, hopp!“, singt er, „Hopp, hopp! Hopp, hopp!“

Wieder am 21. und 24. April

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